ATProto: Die gute Idee, die dir trotzdem wieder weggenommen wird - Bluesky auf Eurosky
Das wird leider wieder ein langer Artikel. ATProto trennt Identität, Daten und Apps – Bluesky war mutig. Aber Macht wandert zu Indizes, AppViews und Komfort zurück: neue Gatekeeper. Eurosky Portal könnte helfen, weil es PDS/Account als „Zuhause“ sichtbar und Datenhoheit nutzbar macht.
Ich sitze hier so rum, spiele Songs mit TerminalDrome unter Hyprland ab und die Katze macht Katzen-Dinge (also Chaos, aber mit Selbstbewusstsein), und irgendwo habe ich mal wieder dieses diffuse Gefühl: das Internet ist nicht mehr unseres. (Da fällt mir ein: Werdet Teil von Uberkatzn denn dafür wurde das Internet erfunden.)
Es gehört wieder ein paar Gatekeepern, die das „offene Netz“ wie ein Einkaufszentrum betreiben. Und wenn du dich falsch verhältst, gibt’s Hausverbot. Oder schlimmer: du merkst es erst nach zwei Wochen und einer unlesbaren Fehlermeldung.
Und genau in diesem Kontext gucke ich auf Bluesky und das AT Protocol (ATProto) und denke: Junge, das ist eigentlich wirklich eine gute Idee.
Und im nächsten Atemzug: Und trotzdem werden wir damit wahrscheinlich wieder verarscht. Es ist wie mit ISA und SCSCI, das schlechtere gewinnt oft - aufgrund von Geld. Betamax und VHS. Querty vs Dvorak. OS/2 vs Win… Vorspann Ende
Begriffsbestimmung ATProto
ATProto ist die technische Grundlage hinter Bluesky. Die große These: Man trennt sauber, was im klassischen Social Web immer in einem Monolithen klebt. Identität, Daten und die App, die dir die Inhalte als Timeline anzeigt, werden nicht mehr als ein untrennbarer Block behandelt, sondern als verschiedene Schichten. Ziemlich cool.
Konkret heißt das: deine Daten leben auf einem PDS, einem „Personal Data Server“. Das ist so etwas wie dein Account-Zuhause. Da liegen nicht nur deine Posts, sondern auch Beziehungen, Verweise, dein ganzer sozialer Kram. Dazu kommen Relays, die Änderungen aus vielen dieser PDS einsammeln und als großen Strom weiterreichen. Und dann gibt es AppViews, also Dienste, die aus diesem Strom etwas machen, das für Menschen benutzbar ist: Suche, Feeds, Graphen, Indizes, APIs. Ich möchte immer gern APIs damit ich selber zugreifen kann, ohne Apps nutzen zu müssen, die andere gebaut haben. Ich würde das generell fordern als Gesellschaft: macht APIs, lasst zugreifen. Aber ja, fick X z.B.
Das klingt erstmal nach Nerd-Fantasie. Ist es auch. Aber die Konsequenz ist politisch: Wenn Identität und Daten nicht mehr fest an eine App gekettet sind, dann ist „die Plattform verlassen“ nicht automatisch gleichbedeutend mit alles was da drin steck aufgeben. Kein friss oder stirb.
Warum Bluesky eine gute Idee ist
Bluesky hat etwas getan, was die alten Plattformen nicht tun wollen: es hat zumindest versucht, die Idee zu normalisieren, dass eine App nicht der allumfassende Gott ist. Dass „Bluesky“ eigentlich nur eine Oberfläche sein sollte und dein Account – dein digitales Ich – nicht in dieser Oberfläche eingemauert sein muss.
Das ist mehr als nur Technik. Das ist ein anderes Machtmodell und eben eine Haltungsfrage.
Weil damit theoretisch möglich wird, dass du deine Identität endlich mitnehmen kannst. Überleg dir die Löschung deines Instagram oder Facebook oder X Accounts. Das wars. nicht so jetzt. Hier kann du die App wechseln und trotzdem alles mitnehmen. Und dass „Algorithmus“ nicht mehr diese eine zentrale Situation ist, die du zu akzeptieren hast wenn du mitmachen oder dabei bleiben willst, sondern etwas, das austauschbar werden könnte. Ich hab dafür wirklich Respekt und ich finde das cool, Respekt weil man diesen Schritt als Firma aktiv gehen muss, sich dafür entscheiden, in einer Welt in der Tech-Haie die althergebrachte Industrie düpieren und sich belustigen, wie die Welt auseinander fällt. Also viel besser als zwar immer "Open“ auf die eigene Website oder in den Namen zu schreiben und dann doch wieder ein Datensilo zu betreiben - oder schlimmer noch, aus dem Silicon Valley zu kommen und eine KI zu bauen.
Warum man trotz dieser Versprechen wachsam bleiben sollte
ATProto löst nicht automatisch das Problem, dass Macht sich sammelt. Es verschiebt nur, wo sie sich sammelt. Und manchmal ist das sogar gefährlicher, weil man sich dann einredet, man sei jetzt „sicher“, nur weil irgendwo „federated“ drüber steht. Und das hat in den letzten Monaten, vielleicht schon seit einem Jahr, zu einem bösen Erwachen bei vielen sich bewussten Nutzern von Bluesky eingestellt. Eine Katerstimmung nach der Euphorie der Utopie.
Das Protokoll trennt Schichten, ja. Aber es garantiert nicht, dass die Schichten auch wirklich von vielen Entitäten betrieben werden. In der Praxis passiert nämlich meistens Folgendes: Die Leute gehen dahin, wo es bequem ist. Und bequem ist immer dort, wo Infrastruktur professionell betrieben wird. Das ist kein Vorwurf. Das ist schlicht menschlich. Niemand steht morgens auf und denkt: „Ich hätte gern einen neuen Job als Teilzeit-Moderator, Teilzeit-SRE und Teilzeit-Rechtsabteilung.“
Föderation ist nicht schwer, weil Protokolle schwer sind. Föderation ist schwer, weil Betrieb schwer ist. Updates, Abuse, Spam, DDoS, Moderation, rechtliche Geschichten, Kosten, Backups – das ist nicht romantisch, das ist Alltag. Und dieser Alltag führt fast automatisch dazu, dass sich wieder zentrale Anlaufstellen bilden. Ich hab euch das mal am Beispiel Mailserver aufgeschrieben, es ist unfassabr.
Und dann ist die große Frage nicht mehr: „Kann ich posten?“
Die Frage ist: Werde ich gesehen?
Denn Sichtbarkeit entsteht nicht nur aus Daten, sondern aus Indizes. Aus Suche. Aus Timelines. Aus den Stellen, an denen das Netz wieder in eine nutzbare Oberfläche übersetzt wird. Genau dort sitzen die neuen Mautstationen. Genau dort kann das passieren, was wir von E-Mail längst kennen: technisch sauber, moralisch sauber, aber irgendein System entscheidet trotzdem, dass du „suspekt“ bist. Nicht unbedingt, weil es böse ist, sondern weil es skaliert, vereinfachen muss, und am Ende lieber einmal zu viel filtert als einmal zu wenig - und eben auch gar keine Lust auf dich hat.
Moderation wird dann zum neuen DNSBL (?). Und das ist keine Metapher, das ist ein Strukturproblem.
Dazu kommt: Bluesky ist eine Firma. Und ich meine das nicht als „haha Kapitalismus böse“, sondern als nüchterne Feststellung. Firmen haben Zwänge. Wachstumslogik. Investorenlogik. Zeitdruck. Und dann werden Dinge, die heute als offene Architektur erzählt werden, plötzlich „strategische Assets“. Dann gewinnt nicht die Ideologie, sondern die Bilanz. Zieht euch mal die Geschichte von OpenAI rein, die ganze Geschichte - ihr kotzt im Strahl dabei.
Ich sage nicht, dass Bluesky das sicher so machen wird. Ich sage nur: Es wäre das normalste Ende der Welt. Und wer sich darauf verlässt, dass Konzerne dauerhaft nett bleiben, glaubt auch, dass man einen eigenen Mailserver betreiben kann, ohne irgendwann von irgendeinem Gatekeeper kollektiv bestraft zu werden.
Das Internet hat uns diese Lektion oft genug gegeben. Das Versprechen des Internet, ein offener Ort für Wissen zu sein, es ist nicht eingehalten worden.
Und warum Eurosky vielleicht etwas retten kann
So, jetzt zu einer eventuell coolen Sache, Situation, Entwicklung.
Eurosky ist quasi eine in den Niederlanden verortete Initiative zum Aufbau europäischer Infrastruktur für soziale Medien auf Basis des AT-Protokolls. In der Berichterstattung wird das Projekt als Versuch beschrieben, die Abhängigkeit von US-Technologiekonzernen im Bereich sozialer Medien zu verringern.
Eurosky baut also eine Art Eingangshalle zur „Atmosphere“-Welt, also zu dieser Idee, dass viele Apps auf derselben Identität und denselben Daten arbeiten können. Und das mMn coole ist, Menschen überhaupt erstmal wahrnehmen zu lassen, dass ihr Account größer/mehr ist als die eine App, die sie gerade benutzen. Dass da ein (persönliches Daten)Zuhause existiert, nicht nur eine Timeline.

Eurosky beschreibt das als Interface, mit dem man Apps entdecken und nutzen kann, die mit dem eigenen Konto zusammenarbeiten. Und sie sagen sehr klar: Im Moment haben Entwickler Werkzeuge, um an PDS-Daten zu kommen, aber normale Menschen haben praktisch keinen guten Blick darauf. Das ist genau der Knackpunkt. Dezentralisierung ohne eine benutzbare Oberfläche bleibt ein Hobby für Leute, die gern in YAML weinen oder JSON scheißen.
Was Eurosky als nächstes ankündigt – eine visuelle Navigation der eigenen Daten – klingt unspektakulär, ist aber eigentlich der wichtigste Schritt überhaupt. Denn „Datenhoheit“ ist nur dann real, wenn du deine Daten auch sehen, verstehen, bewegen kannst. Wenn du quasi nicht erst ein Github-Repo lesen musst, um zu begreifen, was überhaupt „dein“ ist.
Und ich glaube, genau hier könnte so ein Portal tatsächlich etwas retten. Nicht weil es magisch ist, sondern weil es das richtige Problem adressiert: die soziale Realität von Technik. Menschen brauchen Bequemlichkeit, ja. Aber sie brauchen vor allem Orientierung. Und wenn diese Orientierung nicht von den großen Plattformen kommt, dann muss sie irgendwo anders herkommen – idealerweise von einem Ort, der nicht das nächste Einkaufszentrum werden will.
Das europäische Framing („souveräne Infrastruktur“) ist dabei nicht nur PR. Es ist zumindest ein Versuch, das Thema aus der reinen Startup-Logik rauszuholen und als öffentliche Infrastruktur zu denken. Ob das gelingt, ist offen. Aber schon der Versuch ist mehr als die meisten Plattformen überhaupt anbieten.
Fazit: ATProto ist gut. Bluesky war mutig. Aber du solltest trotzdem wach bleiben.
ATProto ist eine wirklich elegante Idee: Schichten trennen, Identität portabel machen, Apps austauschbar machen. Bluesky hat damit ein Fenster geöffnet.
Aber Fenster sind nur Fenster. Wenn du nicht durchgehst, wird es wieder zugemauert. Und dann hängt irgendwann ein „Now leasing“-Schild dran.
Ich würde sagen: Bluesky war eine gute Idee, weil es den Monolithen bricht. Bluesky ist trotzdem riskant, weil Macht immer dahin wandert, wo Indizes, Clients und Komfort sind. Und das Euro-Portal könnte etwas retten, weil es versucht, Identität und Datenhoheit benutzbar zu machen, statt sie nur als Protokollversprechen zu verkaufen.
Ich trinke jetzt meinen Kaffee aus und gucke der Katze dabei zu, wie sie Dinge umwirft, die sie nicht umwerfen sollte.
Sie ist jedenfalls dezentral organisiert.

Nachklapp
ATProto vs. Fediverse (ActivityPub/Mastodon)
Gemeinsamkeit: Beide wollen weg vom Plattform-Monolithen hin zu einem Netz aus vielen Diensten/Betreibern.
1) Grundprinzip
- Fediverse (ActivityPub): Föderation von Servern/Instanzen. Deine Identität ist typischerweise an die Instanz gebunden (@name@server.tld). Umzug geht, aber ist je nach Software/Instanzpolitik frickelig.
- ATProto: Trennung von Identität + Datenspeicher (PDS) + Apps. Idee: Du wechselst die App (oder den Host) eher wie einen Mail-Client, ohne dein soziales Leben zu verlieren.
2) Datenmodell & Portabilität
- Fediverse: Mehr „Nachrichten zwischen Servern“. Der Server ist dein Zuhause und verteilt an andere Server.
- ATProto: Mehr „Repo/Records auf dem PDS“, und darüber bauen Relays/AppViews nutzbare Sichten (Suche, Feeds, Indexe). Das macht Portabilität konzeptionell zentraler.
3) Discovery, Suche, Feeds
- Fediverse: Stark dezentral, dafür oft schlechtere globale Suche/Discovery (weil es eben kein zentrales Indexing geben soll/kann, oder nur über Zusatzdienste).
- ATProto: Plant/akzeptiert explizit zusätzliche Schichten (Relays/AppViews), die globale Indizes liefern können. Vorteil: besser nutzbar. Nachteil: dort entstehen neue Machtzentren.
4) Moderation
- Fediverse: Moderation ist primär instanzbasiert (Admins, Blocklisten, Domain-Blocks). Fragmentiert, manchmal chaotisch, dafür weniger „ein Schalter für alle“.
- ATProto: Moderation/Labeling kann stärker über Infrastruktur-/Index-Schichten wirken. Wenn wenige AppViews/Relays dominieren, können die faktisch Sichtbarkeit steuern (selbst wenn dein PDS „frei“ ist).
5) Praxis heute (gefühlte Realität)
- Fediverse: Viele kleine Communities, viel Selbstverwaltung, aber auch Admin-Burnout und UX-Kanten.
- ATProto: Wirkt „glatter“ und mainstream-tauglicher, läuft aber Gefahr, dass am Ende doch wieder ein paar große Index-/App-Anbieter die Regeln setzen.
ATProto = „du hast dein eigenes Haus (PDS), aber die großen Straßenkarten (Index/AppView) entscheiden, wer dich findet.“

