Martin Kohlstedts KLUFT zu mir

Martin Kohlstedt spielt auf der Midissage des Künstlers Peter Runkewitz Anfang 2023 in Erfurt (C) Jan Montag
Martin Kohlstedt spielt auf der Midissage des Künstlers Peter Runkewitz Anfang 2023 in Erfurt (C) Jan Montag

Ich sitze hier so rum und trinke Kaffee und die Katze tollt wie verrückt durch das Loft, Trepp auf, Trepp ab, und so leben wir alle unser Leben, aber dann plötzlich erhalte ich eine Email. Es ist Martin. Martin Kohlstedt, der Künstler aus Weimar, den ich schon mehrfach live gesehen habe (zumindest sein Newsletter). Dessen Musik ich großartig und besonders finde und mit dem ich 2021 über das damals aktuelle Album Flur in Kontakt kam. Und mir auf Schallplatte kaufte. Denn ihr wisst ja, Musik die ich mag, die kaufe ich mir auf Platte. Und manchmal noch digital als MP3, für den iPod Classic :-)

Aber darum geht es jetzt nicht, denn ich merke auf, weil Martin sein neues Album ankündigt. Für Ende April. KLUFT wird es heißen. Und ich habe mir seit ich mich in Flur verliebt habe, jedes neue Album (1, FELD) gekauft. Nacht habe ich auf einem Konzert in Nürnberg sogar nachgekauft. Weil ich die Art und Weise der mäandernden Musik so sehr liebe. Und man darf die Albenversionen niemals mit der Liveperformance gleich setzen. Das sind von Beginn an zwei völlig verschiedene Welten. Martin improvisiert live aus Versatzstücken seiner bekannten Themen und entwickelt neue Songs, das ist unglaublich gut.

Das Album Flur von Martin Kohlstedt

Aber das neue Album, das neue Album lässt mich etwas ratlos zurück. Es ist wesentlich elektrischer geworden. Dabei geht es aber nicht den Weg eines Jean Michel Jarres, der dereinst ja der König des Synthesizers war, nach Kraftwerk und mit Klaus Schulze oder Tangerine Dream, aber es ist anders. Es hat mehr Geräusche und Töne. Man kann das gut an folgendem Vorabhörbespiel erkennen:

Der Song CON von Martin Kohlstedt

Natürlich kann man Jarre und Kohlstedt nicht mit einander vergleichen, Kohlstedt kommt vom Klavier und nimmt Elektronik dazu, Jarre war von Anfang an elektrisch unterwegs und machte Synthesizer, Tape, Klangexperimente. Wahrscheinlich ist der Vergleich mit Klaus Schulze näher dran, beiden sind eher prozesshaft statt mit der perfekten Songstruktur und Schulze mit langen, sich langsam entwickelnden Stücken und kaum klassischer Dramaturgie und Martin Kohlstedt ebenfalls prozesshaft und mit modularer Entwicklung. Aber wie dem auch sei...

Kohlstedt Discografie (toggle)

Alben

  • 2012: Tag (Edition Kohlstedt)
  • 2013: Tag Remixes (Edition Kohlstedt)
  • 2014: Nacht (Edition Kohlstedt)
  • 2015: Nacht Reworks (Edition Kohlstedt)
  • 2017: Strom (Edition Kohlstedt / Rough Trade)
  • 2019: Ströme (mit dem GewandhausChor Leipzig) (Warner Classics)
  • 2020: FLUR (Warner Classics)
  • 2023: FELD (Edition Kohlstedt / Kick The Flame)

Ich sehne mich nach dem Purismus der Klaviertaste einstiger Tage, aber ich verstehe sehr gut, dass man sich als Künstler unentwegt weiter entwickelt und dabei alte Fans verliert und neue hinzugewinnt. Nicht umsonst können Depesche Mode mit Ihrem Oeuvre aus 5 Jahrzehnten unfassbar viele Fans aller Generationen um sich vereinen, die jedoch unterschiedliche Stile lieben.

Martin Kohlstedt Klavier (C) Jan Montag

Und so geht es mir mit Martin. Ich mag das frühere Zeug einfach mehr und kann mich mit der Entwicklung seit Feld nicht mehr richtig anfreunden, aber das bedeutet nicht dass ich seine Musik kritisieren, vielmehr kann ich rein subjektiv sagen, was mir bisher besser gefallen hat.

Die Musik von Martin Kohlstedt zwischen 2010 und 2021 lässt sich für mich als ein kontinuierliches Ausloten zwischen Neoklassik, Ambient und elektronischer Texturarbeit beschreiben. Früher eher geprägt von präpariertem Klavier und modular aufgebauten Motiven, entwickelte sich ein stark improvisatorischer Ansatz, bei dem einzelne „Module“ flexibel kombiniert und variiert werden. Das ist es, was ich auf den Konzerten so unglaublich lieben. Man sieht, wie die Songs entstehen. Man erkennt einzelne Themen wieder. Die Alben Tag und Nacht etablieren für mich eine introspektive, oft melancholische Klangsprache, stark auf Reduktion und Resonanzräume gesetzt. Wie mein Weblog 😄

Martin Kohlstedt spielt auf der Midissage des Künstlers Peter Runkewitz Anfang 2023 in Erfurt
Martin Kohlstedt spielt auf der Midissage des Künstlers Peter Runkewitz Anfang 2023 in Erfurt (C) Jan Montag

Spätere Werke wie Strom erweitern dieses Konzept durch subtile Elektronik und eine stärkere Dynamik zwischen Stille und Verdichtung. Mit Feld verschiebt sich der Fokus zunehmend auf organisch-elektronische Hybridstrukturen. Insgesamt entsteht so eine Musik, die zugleich meditativ und prozesshaft ist, oft zwischen Konzertsaal und Soundinstallation mäandernd.

Am Ende ist es vielleicht genau das, was Kunst ausmacht: Bewegung, Veränderung und das ständige Verlassen vertrauter Räume. Für mich bleibt die Nähe zu den früheren Arbeiten bestehen, weil sie einen Klangraum geöffnet haben, in dem ich mich unmittelbar wiederfinde. Ich kann sowas vorher nicht, es war neu und aufregend, in einer beruhigenden ZEN-Art. Die neueren Entwicklungen kann ich nachvollziehen, auch wenn ich darin nicht mehr denselben Zugang entdecke. Das schmälert weder die Qualität noch die Konsequenz seines Schaffens, sondern markiert lediglich einen Punkt, an dem sich unsere Wege ein Stück weit trennen. Und so höre ich das alte Zeug weiter, mit dem mich viele persönliche Dinge verbinden, denn ich kann Gefühle durch Musik ganz leicht wieder hervor holen.

Bis bald auf einem Konzert, Martin.

Aufrufe des Artikels: Lädt...