Twttr.eu - aber was sagt das über mich aus?
Meine kleine Website hat heute schon davon berichtet, es gibt Twitter wieder. Und damit meine ich nicht Elon-driven X sondern tatsächlich Twitter, wie es dereinst gestartet ist. Oder fast. Ein Enthusiast hat als anfänglichen Aprilscherz getarnt eine Epigone der 2008er Twitter-Experience unter der URL twttr.eu umgesetzt - und nun rennt man ihm die Bude ein.
Zeit, sich mit diesem kleinen Küchenphänomen etwas ausgiebiger zu beschäftigen.
Und während man sich dort anmeldet, aktuell noch schnell einen Invite (von mir) organisiert oder selbst verteilt, stellt sich eine leise, aber hartnäckige Frage: Was genau suche ich hier eigentlich?
Denn offensichtlich geht es nicht um Funktionalität. Alles, was Twttr.eu kann, konnte das alte Twitter schon – und das heutige X kann es ohnehin, nur eben überformt von allem, was in den letzten Jahren hinzugekommen ist. Twttr.eu ist kein Fortschritt. Es ist ein Rückgriff. Und Rückgriffe haben selten mit Technik zu tun, sondern fast immer mit Erinnerung.
Diese Erinnerung ist erstaunlich stabil. Sie erzählt von einem Internet, das überschaubar war, von einem digitalen Raum, der nicht sofort in Reichweiten, Strategien und Sichtbarkeiten zerfiel. Man schrieb Dinge, die keine Konsequenz haben mussten. Man war anwesend, ohne sich zu inszenieren. Oder zumindest ohne das Gefühl, es permanent tun zu müssen. Vielleicht ist es genau das, was hier wieder gesucht wird: eine Form von digitaler Beiläufigkeit. Ein Zustand, in dem nicht jeder Gedanke sofort in Konkurrenz tritt, nicht jeder Beitrag bewertet, eingeordnet, verstärkt oder übersehen wird. Twttr.eu wirkt da genau richtig, eben wie ein Ort außerhalb der Zeit. Ein kleiner Ausbruch aus der Gegenwart, in der alles bereits festgelegt scheint. Ein Eskapismus!

Aber diese Vorstellung trägt nur begrenzt. Denn das, was als „früher“ erinnert wird, war kein bewusst gestalteter Zustand. Es war ein Nebeneffekt. Ein Produkt seiner Zeit, seiner technischen Grenzen, seiner noch kleinen Nutzerschaft. Vor allem aber war es geprägt von den Menschen, die damals dort waren. Und genau hier beginnt die Irritation.
Denn wer ist heute auf Twttr.eu? Es sind nicht „alle“. Es ist auch kein Querschnitt der Gesellschaft. Es sind die, die schon damals da waren. Diejenigen, die das Netz genutzt haben, bevor es sich selbst erklärt hat. Menschen, die Blogs schrieben, RSS-Feeds pflegten, sich vielleicht sogar durch Foren bewegten. Frühe Nutzer, so wie ich. Das hat Konsequenzen. Es entsteht eine vertraute Atmosphäre, fast so, als würde man Schallplatten voll alter Musik auflegen, und ein Gefühl transportieren wie früher. Aber gleichzeitig ist klar: Es ist nicht mehr dieselbe Zeit. Die Gespräche sind andere, die Perspektiven auch. Nicht die Zeit war toll - es war die eigene "Jugend". Was bleibt, ist eher ein Echo als eine Wiederholung.
Ich finde es gut die Oberfläche zu rekonstruieren um an etwas anzuknöpfen, was damals gut war. Ohne jedoch natürlich das Gestern wirklich zurück holen zu wollen. Ich habe heute in einem kleinen Twt beschrieben, warum ich twttr.eu gut finde:

Was Twttr.eu tatsächlich aber auch zeigt, ist weniger eine Rückkehr als eine Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach einem Internet, das nicht vollständig vermessen ist. Nach Räumen, die nicht sofort verwertet werden. Nach einer Form von Öffentlichkeit, die noch nicht endgültig geworden ist. Gleich zu Beginn habe ich einen Twt gelesen, der Sinngemäß
aber diesmal bitte ohne die Influemcer groß werden
aussagte. Und das ist es. Und wenn man ehrlich ist, sagt das vielleicht mehr über einen selbst aus als über die Plattform. Es zeigt, dass da nicht nur in mir ein Unbehagen ist mit dem, was das Netz heute geworden ist. Silos: Instagram. Facebook, X und TikTok. Und dass man sich nach etwas sehnt, das klar, weniger laut, weniger abgeschlossen ist. Twttr.eu!
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