Oder: Warum das Leben so verdammt laut ist, wenn man allein damit ist


Er wacht auf. Wieder. Das ist das Erste, was er denkt: wieder. Kein Erschrecken, kein Aufatmen, kein Dankbarkeit. Nur dieses stumpfe, federleichte Wort, das sich in seinen Schädel bohrt wie ein Zahn, der locker sitzt und nie ganz rausfällt. Wieder. Noch einen Tag. Noch einmal.

Das Bett ist gut. Das Bett ist teuer. Das Bett kostet mehr als seine erste Wohnung im Monat kostete, damals, mit 22, als er noch wusste, wer er war. Jetzt ist das Bett nur ein Ort, den er verlassen muss.

Er steht auf.


Draußen läuft die Stadt. Sie läuft immer, diese Stadt, sie hört nicht auf, sie atmet nicht, sie schläft nur kurz und widerwillig, so wie er. Die Straßen haben dieses eigenartige Morgenlicht, das Jan Montag beschrieben hat, dieses melancholisch leuchtende Licht, das auf die Gründerzeithäuser fällt wie eine Erinnerung an etwas, das man noch nicht benennen kann. Er sieht es auch. Er sieht es jeden Morgen. Er fühlt es manchmal. Und meistens fühlt er dann nichts, weil das Fühlen zu nah am Schmerz liegt und er gelernt hat, Abstand zu halten. Nicht zu viel. Nicht zu weit. Nur genug.

Der Kaffee macht die Maschine. Die Maschine ist gut. Die Maschine ist auch teuer.

Er trinkt.


Er ist vierzig. Er hat ein Büro. Er hat Mitarbeiter. Er hat eine Wohnung, in der alles an seinem Platz steht, weil er beim Einrichten sehr genau wusste, wie es aussehen soll — und seitdem jeden Morgen durch diese Räume läuft wie ein Fremder, der einen Museumsbesuch macht. Schöne Ausstellung, denkt er. Wer wohnt hier?

Er wohnt hier. Seit vier Jahren. Er hat sich nie ganz eingezogen.

Das ist das Paradoxe an ihm: Er hat alles richtig gemacht. Er hat die richtigen Schulen besucht, die richtigen Entscheidungen getroffen, zumindest von außen betrachtet, zumindest gemessen an den Kriterien, die die Welt als Maßstab anlegt. Er hat einen Platz. Einen echten, verifizierbaren, beneidenswerten Platz im Leben. Und er steht auf diesem Platz und fragt sich jeden Morgen, wo er eigentlich ist.

Mensch aus Glas.
Welt in Scherben.


Es gibt Tage, da funktioniert er. Da läuft er durch sein Büro und sieht aus wie jemand, der weiß, was er tut. Da sagt er die richtigen Dinge, trifft die richtigen Entscheidungen, führt die richtigen Gespräche — und dabei beobachtet er sich selbst von irgendwo oben, von einer Perspektive, die leicht distanziert ist, fast klinisch, und denkt: Gut. Weiter so. Du machst das gut. Als würde er einem Schauspieler zuschauen, der seine Rolle sehr sorgfältig vorbereitet hat.

Aber der Schauspieler ist er.

Und er ist auch der Zuschauer.

Und manchmal fragt er sich, wer von beiden eigentlich er ist.


Das Erfolgsgefühl, das sagen sie alle, komme irgendwann. Die Zufriedenheit stelle sich ein, wenn man hart genug gearbeitet habe, wenn man sich seine Dinge erkämpft habe, wenn man seinen Platz verdient habe. Das sagen sie. Das hat man ihm gesagt. Das hat er geglaubt. Viele Jahre lang.

Jetzt ist er vierzig, und das Erfolgsgefühl ist nicht da.

Es ist nicht so, dass er unglücklich wäre. Unglücklich ist ein zu einfaches Wort. Zu sauber. Zu eindeutig. Er ist etwas Komplizierteres: Er ist dazwischen. Zwischen Erfolg und dem Gefühl davon. Zwischen Leben und dem Erleben davon. Zwischen dem, der er ist, und dem, der er zu sein glaubt. Irgendwo in diesem Zwischenraum — dieser schmalen, zugigen Passage, durch die kein Licht fällt — lebt er seinen Alltag.

Und er ist sehr gut darin geworden, so zu tun, als wäre es genug.


Er kennt dieses Loch. Er kennt es wie eine alte Wohnung, in der er lange gelebt hat und in die er ab und zu zurückkehrt, widerwillig, aber mit einer eigenartigen Vertrautheit. Es liegt nicht immer da. Es liegt nicht jeden Tag. Aber es ist immer da, dieses Wissen um das Loch, diese Ahnung, dass der Boden nur so weit trägt, und dann — dann ist da nichts.

Er funktioniert trotzdem. Das ist vielleicht das Erstaunlichste.

Er steht auf, er zieht sich an, er geht, er spricht, er entscheidet, er lacht sogar manchmal, echtes Lachen fast, und die Menschen um ihn herum beschreiben ihn als offen, herzlich, präsent. Niemand blickt in ihn hinein. Er lässt das nicht zu. Nicht aus Kalkül, sondern weil er selbst nicht genau weiß, was sie da drin finden würden. Vielleicht gar nichts. Vielleicht zu viel.

Vielleicht ist das Loch gar keins. Vielleicht ist es ein Raum. Ein unbewohnter Raum.


Die Nächte sind schwerer. In den Nächten hört der Schauspieler auf zu spielen, weil das Publikum weg ist, und dann ist er allein mit dem, was übrig bleibt. Und was übrig bleibt, ist meistens diese Frage: Wer bin ich, wenn niemand zuschaut?

Er weiß es nicht.

Das ist nicht Tragödie. Das ist nicht Katastrophe. Das ist ein leises, anhaltendes Nicht-Wissen, das sich anfühlt wie ein Zahn, der locker sitzt. Es tut nicht immer weh. Aber man merkt ihn immer.

Er liegt dann auf der Couch — er hat zwei Couches, beide teuer, beide gut — und starrt an die Decke und lässt Gedanken tanzen. Keine großen Gedanken. Keine philosophischen Monumente. Kleine Gedanken. Habe ich heute irgendetwas Echtes getan? Habe ich irgendetwas gespürt, das wirklich mir gehört? Weiß ich noch, was ich will?

Meistens ist die Antwort: Nein. Nicht heute. Vielleicht morgen.

Und dann: Noch einen Tag.


Er kämpft. Das vergisst man leicht, wenn man von außen schaut, wenn man die Wohnung sieht und das Büro und die Ruhe, mit der er sich durch seinen Tag bewegt. Aber er kämpft. Jeden Tag. Nicht gegen Feinde, nicht gegen Umstände — er kämpft gegen das Verschwinden. Gegen dieses tägliche, stille, unhörbare Verschwinden von sich selbst.

Denn das passiert. Langsam, unmerklich, wie Erosion. Der Alltag schleift ihn ab. Die Termine, die Verantwortungen, die Erwartungen — die seiner und die der anderen — sie schleife ihn, Tag für Tag, ganz sanft, ganz konstant, bis er abends manchmal in den Spiegel schaut und kurz überlegt, wer da zurückblickt.

Er kennt das Gesicht. Er weiß den Namen. Er weiß die Biografie auswendig.

Aber manchmal — nur manchmal — ist da dieser Moment der echten, ehrlichen Fremdheit. Dieser Moment, in dem er denkt: Du bist jemand, der vierzig Jahre lang gelebt hat. Was hast du davon mitgenommen?


Die Stadt hilft. Manchmal. Er geht dann früh morgens raus, in diesem merkwürdigen Vor-Sieben-Uhr-Licht, das alles noch unfertig aussehen lässt, als hätte die Welt noch nicht entschieden, was sie heute sein will. Er geht durch Straßen, in denen die Übriggebliebenen der Nacht langsam Platz machen für die Aufbrechenden des Tages, und er ist beides: Überbleibsel und Aufbrecher. Er gehört zu keiner Gruppe ganz.

Das ist vielleicht das ehrlichste Bild von ihm.

Er greift nach dem Kaffee — Plastikbecher, billiger Automat, der immer freundlich ist, der sagt: Ihr Kaffee ist fertig. Bitte entnehmen sie ihren Kaffee. Und er denkt: Schön. Jemand erwartet etwas von mir. Ich soll den Kaffee entnehmen. Das kann ich. Das weiß ich.

Und er lacht. Ein bitteres, echtes, kleines Lachen.


Er hat gelernt, diesen Zustand zu bewohnen. Das ist keine Niederlage. Das ist etwas anderes. Das ist die Kunst des vierzigjährigen Mannes, der mit sich selbst nicht mehr kann und deshalb täglich mit sich selbst verhandelt. Der sich jeden Morgen fragt: Wie weit gehe ich heute? Was ist noch ich und was ist schon Gewohnheit? Der die Grenze zwischen beiden kennt — nicht genau, aber ungefähr — und täglich ein bisschen näher an sich selbst bleibt, auch wenn das anstrengend ist, auch wenn es einfacher wäre, einfach zu funktionieren.

Er funktioniert trotzdem. Aber er funktioniert und fragt. Das ist der Unterschied.

Das ist der Kampf.


Manchmal kommt eine Nachricht. Irgendjemand, der fragt, ob er Lust hat. Auf Kaffee. Auf ein Gespräch. Auf irgendetwas. Und er hält das Telefon in der Hand und denkt: Ich will nicht. Und dann: Ich sollte. Und dann: Was will ich eigentlich?

Und dann schreibt er zurück: Okay. Wann und wo?

Weil er weiß, dass das die richtigen Momente sind. Nicht die großen. Nicht die epischen Wendepunkte, die das Leben in vorher und nachher teilen. Sondern diese kleinen, unspektakulären Schritte heraus aus sich selbst. Diese kleinen Nicken in Richtung Verbindung, Richtung Welt, Richtung Anderen.

Er mag diese Momente nicht immer. Aber er weiß, dass er sie braucht.


Wie die Nacht einfach jeden Tag über die Dächer zieht
und mich mit ihren stillen Augen anschaut —
nicht böse, nicht freundlich,
nur da.
So bin ich auch:
nicht böse, nicht freundlich.
Nur da.
Noch einen Tag.


Er ist vierzig. Er hat einen Platz. Er hat alles, was er haben sollte.

Und jeden Morgen steht er auf und sucht sich selbst — in der Wohnung, in der Stadt, im Licht, das auf alte Fassaden fällt, im billigen Automatenkaffe, in den Gesichtern der Menschen, die er kennt, in den Gesichtern der Menschen, die er nicht kennt.

Manchmal findet er sich. Für einen Moment. Für einen Blick. Für einen halben Satz, den er denkt und der sich wahr anfühlt.

Dann verliert er sich wieder.

Und dann sucht er wieder.

Das ist kein Versagen. Das ist kein Aufgeben. Das ist das Leben eines Mannes, der gelernt hat, dass Selbst-Sein kein Zustand ist, den man einmal erreicht und dann hat — sondern eine tägliche, mühsame, unspektakuläre Entscheidung. Eine Entscheidung gegen das Verschwinden. Eine Entscheidung für den nächsten Morgen.

Noch einen Tag.

Und noch einen.

⁄Ende

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