RAMageddon - Die große Speicher-Müdigkeit

RAMageddon - Die große Speicher-Müdigkeit
Photo by Carlos Irineu da Costa / Unsplash

Oder: Wie mein „PC Build 2026“-Projekt plötzlich zu einer kleinen Recherche über Kapitalismus, KI und Speicherchips wurde

Eigentlich wollte ich ja einfach nur wieder einen PC bauen. Das war der ursprüngliche Plan. Nach vielen Jahren. Nach dem Gefühl (eigentlich ist es ja Gewissheit), dass PCs irgendwann aus meinem Leben verschwunden waren, obwohl sie mich jahrzehntelang begleitet hatten. Und dann kam plötzlich wieder diese Lust zurück. Vielleicht wegen Linux. Vielleicht auch einfach wegen des Älterwerdens und dieser Rückbesinnung auf eine Zeit, in der man noch Nächte damit verbrachte, BIOS-Einstellungen zu vergleichen, CPU-Kühler in viel zu kleine Gehäuse zu schrauben und die Karre zu übertakten, den Pentium 166 MMX auf 200. Enorm!

Also begann ich vor ein paar Wochen damit, mein Projekt „PC Build 2026“ zu planen. Angestoßen wurde ich durch die vielen, sehr schicken ITX-Builds. Computer in kleinen Gehäusen. Als Apple-Freund schmeichelt das meinem Auge. Zu meiner Zeit waren Gaming-PCs nämlich monströse RGB-TikTok-Rechner (obschon es TikTok damals noch nicht gab). Ich wollte auch keinen „Ultimate AI Workstation Build“. Einfach nur einen ehrlichen Midrange-PC. Linux. Mit der guten Technik von 2024, also AM4, DDR4 diesdas. Zukunftssicher genug, ohne komplett wahnsinnig zu werden.

Dachte ich zumindest.

Und während ich anfing Preise zu vergleichen, merkte ich plötzlich:
Irgendetwas hat sich verschoben. RAM war nämlich absurd teuer geworden. SSDs ebenfalls. Nicht nur ein bisschen teurer. Sondern richtig unangenehm teuer. So teuer, dass plötzlich selbst halbwegs vernünftige Mittelklasse-Builds in Preisregionen rutschten, die vor zwei Jahren noch nahezu High-End gewesen wären. 16 GB-Ram (2x8) für mindestens 300 Euro. Eine 1 TB SSD für mindestens 150 Euro (älteres PCIe 4.0). Alles mit Speicher wurde entsprechend teurer. Mein 2 TB RaspberryPi 5 Build von letztem Jahr ist um 100€ gestiegen. Wegen RAM und SSD. Unfassbar. So eine Scheiße. Und das war Grund genug, mich tiefer einzuarbeiten Denn das Verrückte ist ja: Vor gar nicht allzu langer Zeit lebten wir eigentlich in einer Art goldener Speicher-Utopie, offensichtlich!

Die kurze Zeit, in der Speicher plötzlich fast nichts mehr kostete (außer bei Apple)

Man vergisst das heute schnell, aber zwischen ungefähr 2022 und 2024 waren SSDs und RAM teilweise lächerlich günstig geworden. Das war diese Neuaufbauphase nach Corona, in der Hersteller wie Samsung, Micron oder SK Hynix ihre Produktion massiv hochgefahren hatten. Während der Pandemie explodierte die Nachfrage nach Hardware. Wegen Homeoffice oder dem Gaming-Boom. Konsolenknappheit. Und weil die Leute am Fenster für Pflegekräfte klatschten. Alles uns wohl bekannte BNuzzwords jener Tage. Jeder brauchte plötzlich Technik.

Die Speicherindustrie reagierte wie Industrie eben reagiert:
Mehr produzieren. Viel mehr produzieren. Und dann brach die Nachfrage plötzlich weg. Oder eher: sie pendelte sich wieder auf ein normales Maß ein. Aber das ist wie mit der Lehrer-Ausbildung. Wir haben keine Lehrer. Wir bilden dann welche aus, mit allen Mitteln. So lange, bis schon klar ist, das keine Kinder mehr nachkommen. Denn Demografie lesen und uns entsprechend anpassen, das können wir nicht, weil wir dumm sind. Und dann wundern wir uns aber, wenn wir plötzlich zu viele Lehrer und zu wenige Kinder haben. Das konnte ja keiner ahnen. Aber ich schweife ab.

Die Lager liefen voll. Preise stürzten ab. SSDs wurden teilweise billiger als gebrauchte Schallplatten. DDR4-RAM kostete irgendwann so wenig, dass Leute ernsthaft schrieben: „Kauf einfach direkt 64 GB, kostet ja nichts mehr.“ 2-TB-NVMe-SSDs für unter 100 Euro waren plötzlich normal und man fing an, sich NVMe-SSD-NAS mit 4 TB Teilen zu bauen. Und all das ging sehr schnell in die öffentliche Wahrnehmung über. Galt als normal!

Rückblickend war das wahrscheinlich eine historische Ausnahme. Aber damals dachte man: "Klar. Technik wird eben immer billiger. Das war doch schon immer so".
War es aber nicht, zumindest nicht dauerhaft. Denn genau diese Preisabstürze waren für die Hersteller ein Problem. Ein riesiges Problem. Samsung meldete massive Gewinneinbrüche. Micron fuhr Produktionen zurück. NAND-Flash-Hersteller vernichteten teilweise Lagerbestände oder drosselten ihre Fertigung künstlich. Die gesamte Branche verstand plötzlich: Zu viel günstiger Speicher ist schlecht fürs Geschäft. Und jetzt, zwei Jahre später, erleben wir die Gegenreaktion mit voller Wucht. Aber das liegt nicht nur an der Reduktion der Produktion, sondern an Kollege Schürschuh.

Die KI frisst ihre Erfinder

Man kann über KI denken was man will, aber eines muss man ihr lassen:
Sie konsumiert Hardware wie eine Naturkatastrophe. Nicht nur GPUs. Speicher. Vor allem Speicher. Diese gigantischen Modelle, über die momentan alle reden, müssen ja auch irgendwo liegen [1]. Trainiert werden. Geladen werden. Versioniert werden. Zwischengespeichert werden. Irgendwelche AI-Unternehmen schieben heute Datenmengen durch ihre Infrastruktur, die früher nur bei Google oder Amazon denkbar gewesen wären oder in einem Monat am De-CIX aufgelaufen sind. Und plötzlich konkurriert mein kleiner Gaming-PC mit ganzen Rechenzentren. Das klingt absurd, ist aber exakt das, was gerade passiert.

DRAM, NAND, HBM — Speicher ist heute keine langweilige PC-Komponente mehr, sondern Infrastruktur für KI-Systeme. Ein geopolitisch relevanter Rohstoff. Neben seltenen Erden einfach mur schon gut verarbeitet, aber trotzdem politisch. Das merkt man inzwischen überall. Die Hersteller reden kaum noch über Consumer-Produkte. Alles ist plötzlich „AI optimized“. „Enterprise ready“. „Datacenter grade“. Selbst Keynotes fühlen sich inzwischen eher wie Börsenveranstaltungen an als wie Technikmessen. Früher waren Gamer die wichtigsten Kunden der Hardwarebranche, neben der Erotikindustrie. Heute bist du nur noch Kollateralschaden.

Der Moment, in dem der Selbstbau-PC wieder Luxus wurde

Was mich an der ganzen Sache persönlich gerade natürlich am meisten irritiert ist, wie stark das meine gesamte Idee des günstigen Selbstbau-PCs zerstört. Es gab mal eine Kategorie von Rechnern zwischen 700 und 1000 Euro. Gute Mittelklasse. Der Working-Class-Hero der PCs, Rechner, die Studenten bauten. Leute mit begrenztem Einkommen. Menschen, die sich monatelang Komponenten zusammensparten. Ich rede scheiß. aber ihr wisst schon: Heute wirken diese Preisregionen fast nostalgisch. PC Games schrieb vor kurzem, dass Budget-Builds mittlerweile etwa 120 bis 150 Euro teurer seien als noch im Sommer zuvor — allein wegen RAM und SSDs. Und dass RAM teilweise viermal so teuer geworden sei wie noch wenige Monate zuvor. Das ist keine normale Marktschwankung mehr.

Das ist eine strukturelle Veränderung.

Und plötzlich entstehen diese völlig absurden Situationen, in denen Leute in Reddit-Foren schreiben, sie hätten „zum Glück noch rechtzeitig RAM gekauft“. Als würden sie über Heizöl sprechen. Oder Immobilien. Oder Toilettenpapier. Ich musste darüber erst lachen. Und jetzt stecke ich in der gleichen Scheiße und hab die Karre auf 16 GB reduziert und auf 1 TB NVMe, weil es sonst noch teurer wird. Alter!

Die neue Müdigkeit der PC-Bastler

Wenn man sich aktuell durch Hardwareforen liest, taucht überall dieselbe Stimmung auf. Menschen verschieben Builds. Kaufen gebraucht. Bleiben länger auf AM4. Verwenden alte SATA-SSDs weiter. Oder sagen direkt: „Vielleicht doch lieber Konsole.“ Ich verstehe das inzwischen komplett, mir geht es gerade auch so. Denn die klassische Hoffnung der PC-Welt — dass Technik automatisch billiger wird, wenn man nur lange genug wartet — funktioniert plötzlich nicht mehr zuverlässig wie oben schon beschrieben. Und wahrscheinlich wird es noch ewig dauern, bis sich der Markt etwas entspannt. Wenn er das überhaupt tut. Ich wäre gern gerade RAM-industrie und könnte so teuer verkaufen, wie die Rohölindustrie. Moment. Dann wäre ich gern Ölbohrturm.

Die Hersteller haben gelernt, dass sie künstliche Verknappung besser kontrollieren können als früher. Gleichzeitig sorgt der KI-Markt dafür, dass Speicherproduktion heute dort landet, wo die größten Margen sitzen: Enterprise. Datacenter. AI-Cluster. Nicht bei meinem kleinen schicken Linux-Gaming-PC. Auf einen Preisrutsch braucht man unter diesen Umständen nicht warten. Daran glaube ich nicht.

Natürlich gibt es eben auch Gewinner:

  • Samsung gewinnt.
  • Micron gewinnt.
  • SK Hynix gewinnt.
  • NVIDIA gewinnt sowieso immer.

Cloudanbieter gewinnen. KI-Unternehmen gewinnen. Aktionäre gewinnen.

An dieser Stelle will ich auf mthies Artikel zu AI un den Mega cluster in Utah hinweisen. Was da abgeht, scheiße. Wir müssen AI/KI in dieser Form abschaffen!

Verlierer sind die klassischen Consumer-Knödel. Und die Bastler. Die Leute, die alle acht oder zehn Jahre mal wieder Lust bekommen, einen Rechner selbst zusammenzubauen. Menschen wie ich, die plötzlich feststellen, dass ein „vernünftiger Midrange-PC“ heute finanziell deutlich näher an einem Kleinwagen-Leasing ist als an dem Hobby von früher.

Und das ist alles scheiße. Und wenn der Speicherhunger noch dafür sorgt dass die Welt noch ein bisschen mehr zugeschissen wird, dann ist mein Selbstbau-PC nur mehr bloße Übertragung hin zu etwas größerem: nämlich dieser Weltscheiße, in der wir uns gerade befinden. Denn PCs waren lange Zeit ein erstaunlich demokratisches Hobby. Mit etwas Geduld und Recherche konnte man sich relativ günstig etwas bauen, das leistungsfähig war. Technik fühlte sich erreichbar an. Bildungsdurchlässigkeit. Heute wirkt vieles wieder elitärer. High-End sowieso. Aber inzwischen selbst Mittelklasse.

Je länger ich mich aber damit beschäftige, desto mehr merke ich, dass diese neue Speicherkrise auch eine Gegenbewegung erzeugt. Leute optimieren wieder. Reparieren wieder (oder tauschen eher aus als komplett zu ersetzen). Bleiben länger auf alter Hardware. DDR4 wird plötzlich nicht mehr als „veraltet“ betrachtet, sondern als vernünftige ökonomische Entscheidung. Menschen entdecken gebrauchte Workstations. Alte AM4-Systeme erleben gerade wahrscheinlich ihren zweiten Frühling. Auch wenn das schon wieder ad absurdum geführt wird, weil die Leute nicht auf 5 upgrade und 4 deshalb auch teuer bleibt. Aber ehrlich gesagt finde ich das irgendwie sogar ein bisschen schön. Nachaltiger. Weil es Technik wieder einen gewissen Wert gibt. Eine SSD ist plötzlich nicht mehr irgendein Wegwerfprodukt. RAM wird wieder etwas, über das man nachdenkt. Nicht mehr einfach: „Ach komm, 64 GB kosten eh nichts, mach 128 GB Ram.“

Vielleicht erleben wir gerade sogar das Ende dieser absurden Wegwerfphase der PC-Welt. Dieses permanente „Upgrade jetzt sofort“. Dieses völlige Entwerten funktionierender Hardware. Denn wenn man ehrlich ist: Die meisten Rechner von vor fünf Jahren sind immer noch erstaunlich gut. Ein Ryzen 5700X ist nicht plötzlich langsam geworden, nur weil irgendein Tech-YouTuber ihn nicht mehr erwähnt. SATA-SSDs laden Spiele immer noch verdammt schnell. Und viele Leute würden vermutlich kaum einen Unterschied zwischen PCIe 4.0 und PCIe 5.0 bemerken, wenn niemand Benchmarkdiagramme danebenhalten würde. Nur die Grafik, die verschlingt neben Xavier Naidoo sogar Babys, denn die treibt den PC-Wahnsinn ad absurdum mit ihrer Gier und den unfasbaren Preisen für oberklasse-Grafik -und die Spiele, die das brauchen. Brauchen sie aber nicht. Auch das eine Leichtigkeit, die man irgendwie wieder draufkriegen muss. Wir alle.

Aber natürlich funktioniert Hardwareleidenschaft trotzdem nicht logisch. Wir wollen neue Sachen. Neue Mainboards. Neue BIOS-Screens. Dieses Gefühl, wenn ein frisch gebauter Rechner das erste Mal bootet. Das leise Summen neuer Lüfter. Temperaturen beobachten. Linux installieren. Stundenlang sinnlose Benchmarks laufen lassen wie andere Menschen Modelleisenbahnen aufbauen.

Und genau deshalb trifft mich diese ganze RAM- und SSD-Geschichte emotional härter, als sie eigentlich sollte und ich schreibe hier bald 2000 Worte dazu. Weil sie aus einem Hobby wieder Luxus macht.
Vielleicht erleben wir ja gerade tatsächlich das Ende der goldenen Consumer-Hardware-Jahre? Vielleicht war diese Zeit zwischen ungefähr 2016 und 2024 wirklich eine historische Ausnahme: unglaublich leistungsfähige Hardware zu überraschend niedrigen Preisen. Und heute verschiebt sich alles. Technik wird wieder Infrastruktur. Industriepolitik. KI-Wettrüsten. Und irgendwo dazwischen sitzt jemand nachts um 1:12 Uhr vor einem Warenkorb mit 32 GB DDR5-RAM und denkt:

„Warte ich noch zwei Monate?“

Die ehrliche Antwort?

Ich glaube langsam:
Die Zeiten, in denen man einfach entspannt auf fallende (Speicher)preise warten konnte, sind vorbei. Genau so wie ich darauf warten kann, dass mir Proofpoint meinen Mailserver frei gibt. Diese Ficker.

Amen.

Fußnoten


  1. Es ist wie mit der Cloud. Es gibt keine Cloud. Es gibt nur jemand anderes Computer, auf dem man seine Daten lagert. ↩︎

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