Chatmail – E-Mail neu gedacht, aber ist es wirklich die Zukunft?

Chatmail – E-Mail neu gedacht, aber ist es wirklich die Zukunft?
Photo by Maxim Ilyahov / Unsplash

Ich stolpere ja immer wieder über Projekte, die versuchen, das Rad nicht neu zu erfinden, sondern gleich das ganze Kommunikationsrad zu verbessern. Eins dieser Projekte, das mir in den letzten Wochen aufgefallen ist, heißt Chatmail und will genau das mit einer fundamentalen Technologie erreichen, die uns allen seit Jahrzehnten vertraut ist: E-Mail. Aber dieser Versuch hat etwas Überraschendes, etwas Schönes und natürlich auch etwas, über das man kritisch nachdenken sollte.

Was ist Chatmail überhaupt? Auf den ersten Blick ist Chatmail nichts anderes als ein Open-Source-Projekt, das versucht, das traditionelle E-Mail-System in eine Art sofortige, sichere Chat-Kommunikation zu verwandeln. Die Idee dabei ist nicht, ein weiteres proprietäres Messenger-System zu bauen, das Nutzer in einen Garten mit hohen Zäunen einsperrt, sondern die offenen, globalen Standards von E-Mail zu modernisieren, um sichere, end-to-end verschlüsselte Nachrichten in Echtzeit auszutauschen und gleichzeitig die Kontrolle über seine Daten zu behalten.

Was ist Chatmail in 3 Sätzen?

Chatmail ist ein Open-Source-Ansatz, der klassische E-Mail-Technologie so weiterdenkt, dass sie sich wie ein moderner Messenger nutzen lässt. Grundlage sind offene Standards wie SMTP und IMAP, ergänzt um konsequente Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und eine radikale Reduktion von Metadaten. Statt dauerhaft Nachrichten zu speichern, leiten sogenannte Chatmail-Relays verschlüsselte Nachrichten lediglich weiter. Dadurch entsteht eine dezentrale Kommunikationsinfrastruktur, die ohne zentrale Plattformbetreiber auskommt. Chatmail will damit zeigen, dass sichere, zeitgemäße digitale Kommunikation auch jenseits proprietärer Messengerdienste möglich ist.

Unter der Haube besteht Chatmail aus zwei sich ergänzenden Komponenten: Zum einen gibt es Chatmail Relays, also minimalistische Mail-Transport-Agenten (MTAs), die Nachrichten transportieren, aber nicht dauerhaft speichern. Diese Relays akzeptieren nur verschlüsselte Nachrichten, minimieren Metadaten und verzichten vollständig auf klassischen Spam-Filter- oder IP-Reputationsmechanismen, die wir von bekannten E-Mail-Providern kennen. Durch diese Radikalität sind die Betriebskosten extrem gering – selbst bei Hunderttausenden von Nutzern würden die Kosten pro Kopf im Cent-Bereich bleiben, sagt die Dokumentation.

Zum anderen gibt es Chatmail Core, eine Bibliothek in Rust, die von Clients, Bots und Anwendungen genutzt wird. Diese Bibliothek kümmert sich um die ganzen Details, die sonst für Administratoren und Entwickler ein Albtraum wären: TLS-Verbindungen, sichere MIME-Verarbeitung, SMTP/IMAP-Anbindung und die kryptographischen Grundlagen für End-to-End-Verschlüsselung und sogenannte Peer-to-Peer-Nachrichten.

Die Idee ist bestechend modern: Statt klassischer E-Mail-Konten mit Namen, Passwörtern und all dem Ballast einer langen Geschichte kann man bei öffentlichen Chatmail-Relays binnen Sekunden eine Adresse erstellen, ohne sich groß registrieren zu müssen. Für Messaging-Apps wie Delta Chat – ein dezentrale Messenger, das auf E-Mail-Basistechnologien aufsetzt – ist genau diese Infrastruktur die Brücke zwischen alt und neu. Mit ihr bekommen Nutzer ein Instant-Messaging-Gefühl, während das technisch weiterhin über standardisierte Protokolle wie SMTP/IMAP und moderne Open-Source-Kryptographie abgewickelt wird.

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Chatmail bietet den Vorteil einer dezentralen, offenen Kommunikationsinfrastruktur, die auf bewährten E-Mail-Standards basiert und dennoch Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ermöglicht. Nutzer behalten damit mehr Kontrolle über ihre Daten und sind nicht von proprietären Plattformen oder einzelnen Anbietern abhängig.

Doch warum sollte man so etwas überhaupt brauchen, wenn man schon WhatsApp, Signal, Matrix, XMPP und wie sie alle heißen, zur Verfügung hat? Ein Grund ist die Dezentralität. Während die großen Plattformen alle auf zentralisierte Server angewiesen sind, kann jeder einen Chatmail-Relay betreiben oder einen Client nutzen, der genau diese offene Infrastruktur adressiert. Man behält mehr Kontrolle über die eigenen Daten, und man ist nicht von einem einzigen Unternehmen abhängig, das darüber entscheidet, welche Nachrichten durchgehen und welche nicht. Dieser Gedanke, Kontrolle zurück ins eigene Netzwerk zu bringen, erinnert an das, was ich hier auf diesem Blog immer wieder schreibe: Technologie sollte dem Menschen dienen, nicht umgekehrt.

Und dennoch: So elegant diese Vorstellung auch ist, so groß ist auch die Lücke zwischen Theorie und Praxis. Chatmail ist in vieler Hinsicht noch experimentell. Die Einrichtung eines eigenen Relays verlangt heute schon ein gewisses Maß an technischem Know-how – von DNS-Einträgen über TLS-Zertifikate bis zur Serververwaltung –, was viele, die „einfach nur chatten“ wollen, abschrecken dürfte. Und obwohl öffentliche Relays existieren, ist die Nutzerbasis im Vergleich zu etablierten Messengern verschwindend klein. Ohne eine kritische Masse an Teilnehmern ist die beste Technologie nutzlos, weil niemand da ist, mit dem man kommunizieren könnte.

Ein weiterer Punkt, der mir bei der Beschäftigung mit diesem Projekt durch den Kopf ging, ist die Frage der Nutzererfahrung: Was nützt mir eine offenere, sicherere Infrastruktur, wenn die verfügbaren Clients in puncto Interface, Performance oder mobile Integration nicht mit dem Komfort von Signal oder WhatsApp mithalten können? Sicher, viele Clients wie Delta Chat oder Arcane Chat existieren bereits und werden weiterentwickelt, aber der Sprung zur breiten Alltagsnutzung ist noch lange nicht gemacht.

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Chatmail ist derzeit noch technisch anspruchsvoll und richtet sich eher an versierte Nutzer, was den Einstieg für eine breite Öffentlichkeit erschwert. Zudem fehlt es bislang an Verbreitung und ausgereiften Clients, sodass der praktische Nutzen im Alltag gegenüber etablierten Messengern begrenzt ist.

Es gibt auch Fragen der Sicherheit und des Vertrauens: End-to-end-Verschlüsselung ist fantastisch, aber sie ist nur so gut wie die Implementierung und die Schlüsselverwaltung. Wenn Nutzer nicht verstehen, wie Schlüssel getauscht oder verifiziert werden, eröffnet das neue Angriffsflächen. Und während die Technik Metadaten minimiert, lässt sich nicht vollkommen vermeiden, dass Dienste Informationen wie Zeitpunkt oder beteiligte Adressen sehen – auch wenn sie keine Einsicht in den Inhalt haben.

Am Ende bleibt Chatmail ein Projekt, das genau dorthin zielt, wo ich persönlich denke, dass das Web eigentlich hin sollte: offen, interoperabel, dezentral und technisch sauber. Aber ob es den Sprung in den Mainstream schafft, steht auf einem anderen Blatt. Für Menschen, die sich nicht mit Serverkonfiguration und kryptographischen Feinheiten befassen wollen, ist es heute noch zu umständlich. Für diejenigen, die Wert auf digitale Selbstbestimmung legen, bietet es dagegen eine faszinierende Möglichkeit, aus dem Schatten der großen Gatekeeper herauszutreten.

Für mich persönlich bleibt es einen Versuch wert, gerade weil es ein Gegengewicht zur Kontrolle durch wenige große Anbieter bildet. Ob sich der Aufwand lohnt, hängt davon ab, wie wichtig einem Selbst-Hosting, Offenheit und Kontrolle über eigene Kommunikation ist. Für den Alltag eines durchschnittlichen Nutzers dürfte es noch zu früh sein; für Tech-Interessierte, Selbsthoster und Menschen, die sich eine unabhängige Kommunikationsinfrastruktur wünschen, ist Chatmail heute schon ein lohnendes Experiment.


Wie immer schreibe ich das hier nicht als Werbung, sondern als kritische Auseinandersetzung mit einer Technologie, die versucht, das Netz ein kleines Stück zugunsten der Nutzer zu verändern.

Der nächste Schritt wird der Betrieb eines eigenen Relays sein. Und dann lade ich alle zum Mitmachen ein, es bleibt spannend.

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Jan Montag

Jan Montag

~ Verschlungene Muster; Schreibt lyrische Kleinzeiler; findet das mit dem Fröhlichsein quatsch ~
Erfurt
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