Der Mann, der sich verrückt schrieb (Wolfgang Welt)

Das Leben verläuft nicht immer Rund. Das Leben ist oft ein großes Arschloch. Zu mir. Zu dir. Ich habe schon immer ein Faible für all jene Menschen, die keiner geraden Biografie folgen. Oder folgten. In diesem Artikel widme ich mich dem Autor Wolfgang Welt.

Wolfgang Welt war der deutsche Lester Bangs (Link), ein Musikjournalist, der sich selbst zum Gegenstand seiner Texte machte, ein Schriftsteller, der seine Psychose nicht nur überlebte, sondern sie in Literatur verwandelte – und ein Nachtportier, der lieber schrieb als schlief.


Ich sitze hier mit einer Tasse Kaffee, während draußen der Februarwind gegen die stählerne Jalousie der Einrichtung klopft, und überlege, wie man einem Mann gerecht wird, der 1952 in Bochum-Langendreer geboren wurde, als Sohn eines Bergmanns und einer Hausfrau, und der später einmal sagen würde: "Ich schrieb mich verrückt." Keine Metapher.

Die Buchstaben dieses Artikels tippe ich mit einer mechanischen Tastatur (KlickrKlackr), deren Klackern mich an etwas erinnert, was ich beim Lesen von Wolfgang Welt entdeckt habe: Er schrieb auf einer Olympia SM2, einer Schreibmaschine, und zwar immer auf den letzten Drücker, 26 Seiten in neun Stunden, einen Roman in drei Wochen. Assoziation und Affekt statt Handlungsplanung. So wie ich, always late to the Party, Master Thesen kurz vor Deadline - die Kurzfristigkeit des Liefern-könnens als Lebensinhalt.

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…die Kurzfristigkeit des Liefern-könnens als Lebensinhalt

Die frühen Jahre: Buddy Holly und der Ausbruch

Wolfgang Welt wollte Schriftsteller werden, was sonst. Einer wie er, der die ganze Kulisse bereits im Nachnamen trägt, muss Schriftsteller werden. Also ließ er die Uni sein, bis dahin hatte er Anglistik und Geschichte in Bochum und Dortmund und verkaufte Schallplatten. Und dann, Ende der siebziger Jahre, begann er zu schreiben – für Magazine wie SoundsMusikexpress und das Bochumer Stadtmagazin Marabo.

Seine Musikkritiken waren ziemlich subjektiv. Heute sagen einige: meinungsstark. Über Herbert Grönemeyers Album "Zwo" schrieb er:

"Ich wäre froh, wenn diese Scheibe (man könnte das b auch durch ein ß ersetzen) nicht 'Zwo', sondern 'Die Letzte' hieße. Was sich der vielbeschäftigte Grönemeyer hier geleistet hat, ist wie schon bei seinem Debüt vor zwei Jahren unter aller Sau".

Jahre später soll Grönemeyer ihm gesagt haben: "Hattest recht".

Und über Heinz Rudolf Kunze, den studierten Sohn eines SS-Mannes: "Heinz Rudolf Kunze ist eine Null. Er selber weiß es am besten" .

Das war kein professioneller Journalismus im heutigen Sinne. Das war etwas anderes. Das war Welt. Er hörte sich die Platten oft gar nicht an, brauchte das Geld für Zigaretten. Aber er traf einen Ton, der bis heute nachhallt. Willi Winkler nannte ihn den "Ghostwriter des Lebens". Peter Handke, der ihn förderte und dessen Vorwort zu "Ich schrieb mich verrückt" eine der schönsten Würdigungen deutscher Sprache enthält, schrieb: "Wolfgang Welts Bücher sind alles, was der Fall ist. Sie verkörpern zuletzt ein einziges Buch: das Buch Wolfgang Welt".

Die Krise: J.R. Ewing in Bochum

1983, auf dem Höhepunkt seiner journalistischen Karriere, holte ihn die Wirklichkeit ein. Welt erlitt eine schizophrene Psychose mit manisch-depressivem Einschlag. Er hielt sich für J.R. Ewing aus der Fernsehserie "Dallas" und wähnte sich von einem Filmteam verfolgt. Er randalierte, wurde in die geschlossene Psychiatrie eingeliefert.

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Das hätte das Ende sein können. Für viele wäre es das gewesen.

Aber Welt schrieb weiter. Und genau hier beginnt das, was ihn einzigartig macht. Er beschrieb seine Psychose nicht aus der Distanz des Genesenen, nicht mit der wohlfeilen Ironie des Überlebenden. Er schrieb aus ihr heraus. In "Der Tunnel am Ende des Lichts" (2006) findet sich die unvergessliche Stelle, an der er sich für J.R. Ewing hält und die letzte Folge von "Dallas" unbedingt an die Redaktion der Zeit telexen möchte – aus dem Bochumer Novotel, in dem einmal der Zeit-Theaterkritiker Benjamin Henrichs logierte.

"Automatisch schreiben" nannte er das. Und ja, man spürt es beim Lesen: Diese Texte sind in Trance heruntergetippt, hastig, von einem Getriebenen. Der Leser gerät außer Atem, während er ihnen folgt.

Ich las kürzlich "Fischsuppe" (2014), seinen letzten zu Lebzeiten erschienenen Text. Der erste Satz: "Am Tag nach meiner Entlassung aus der Psychatrie saß ich in Dr. Hummels Praxis, der mich noch eine Woche krankschreiben wollte, was ich aber ablehnte, weil ich nach drei Wochen Krankenhaus lieber wieder arbeiten wollte". Das ist Welt.

Die Werke: Peggy Sue und die Folgen

Sein Debütroman "Peggy Sue" erschien 1986 im Konkret-Literatur-Verlag. Der erste Satz: "Etwa zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung machte mir Sabine am Telefon Aussicht auf einen Fick, allerdings nicht mit ihr selber, sondern mit ihrer jüngeren Schwester" .

Diedrich Diederichsen verriss das Buch in der Spex. Er verstand diesen Geständniszwang nicht, fragte, welche Belohnung Welt dafür erwarte. Eine berechtigte Frage. Aber sie ging am Punkt vorbei. Welt schrieb nicht für Belohnungen. Er schrieb, weil er musste. In "Peggy Sue" heißt es, er schreibe, um "einigen Leuten ein Denkmal zu setzen, die sonst nicht einmal einen Grabstein kriegen würden" .

Die Trilogie "Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe" (2006 bei Suhrkamp) versammelt seine wichtigsten Romane: "Peggy Sue", "Der Tick" (2001) und "Der Tunnel am Ende des Lichts". Dazu kamen später "Doris hilft" (2009) und die postumen Sammlungen "Kein Schlaf bis Hammersmith" und "Die Pannschüppe" (beide 2020), herausgegeben von Martin Willems.

Was ist das für eine Literatur? Irgendwo zwischen Charles Bukowski und Rainald Goetz, Beatniks und weiteres. Die zentralen Motive: Buddy Holly und Sex. Alle Geschehnisse werden mit diesen Begriffen abgeglichen. Der Erzähler, fast nie vom Autor zu trennen, schildert sein Leben zwischen Redaktionsstuben und Szenekneipen, Stadionbesuchen und einsamen Nächten auf der Bochumer Wilhelmshöhe .

Und immer wieder: das Scheitern. An den Frauen. Am Leben. An sich selbst.
"Würde ich mit ihr ficken, bevor ich nach Frankfurt ging? (...) Was bildete ich mir eigentlich ein? Sie war doch offensichtlich in festen Händen. Was sollte ich dickbäuchiger abgebrochener Student, der quasi als Hilfsarbeiter schuftete, mir für Illusionen machen" .

Der Rückzug: Nachtportier aus Überzeugung

Seit 1991 arbeitete Welt als Nachtportier im Schauspielhaus Bochum. 25 Jahre lang. Tagsüber schlief er, nachts saß er an der Pforte, las Spiegel, hörte WDR 4, schrieb. "Dat interessiert mich alles nicht mehr", sagte er über die Musikszene.

Warum zog er sich zurück? Die einfache Antwort: die Krankheit. Die komplexere: Er hatte gefunden, was er brauchte. Einen Job, der ihn nicht auslaugte. Zeit zum Schreiben. Und die richtige Distanz zur Welt.

In einem Interview sagte er einmal, er könne nur schreiben, was er selbst erlebt habe. Das ist das Gegenteil von KI. Das ist das Gegenteil von Prompting. Das ist: Leben in Literatur verwandeln, ohne Filter, ohne strategische Kalkulation.

Der Lektor des Suhrkamp Verlags mahnte ihn einmal, er brauche "einen roten Faden". Welts Antwort: "mich" .

Wolfgang Welt im Schauspielhaus in Bochum

Wolfgang Welt und Glumm: Eine Fußnote

An dieser Stelle muss ein anderer Autor erwähnt werden, den ich sehr schätze, der in einem ganz ähnlichen Milieu auch ähnlich schreibt, aber völlig anders arbeitet: Glumm. Während Welt sich selbst zum Gegenstand machte, radikal subjektiv, bis zur Schmerzgrenze, betreibt Glumm etwas, das man als "dokumentarische Fiktion" bezeichnen könnte. Seine Texte sind recherchiert, konstruiert, durchkomponiert. Welt hingegen schrieb, wie er atmete: automatisch, unvermeidlich, manchmal erstickend.

Glumm wäre vielleicht der Lektor gewesen, den Welt nie hatte. Und Welt wäre für Glumm das gewesen, was man einen "Rohstoff-Lieferanten" nennen könnte – das unverarbeitete Leben, das man dann in Form bringt. Vielleicht!

Das Vermächtnis: Für die, die sonst keinen Grabstein kriegen

Wolfgang Welt starb am 19. Juli 2016 in einem Hagener Krankenhaus. Zwei Jahre später widmete ihm das Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf eine Ausstellung, kuratiert von Martin Willems, der auch seinen Nachlass verwaltet .

"Eine Ausstellung scheint uns prädestiniert dafür, auf einen Schriftsteller hinzuweisen, der in der deutschen Literatur zweifelsohne eine Sonderstellung innehat", - sagte Willems damals.

In der Ausstellung war eine Olympia SM2 zu sehen, die Schreibmaschine, auf der Welt seine Texte verfasste. Und Fotos. Und Briefe. Und der abgegriffene Buddy-Holly-Fanclub-Ausweis.

Ausstellung ehrt großen Bochumer Pop-Literaten Wolfgang Welt
Vor drei Jahren starb der Schriftsteller Wolfgang Welt. In Langendreer ist jetzt eine längst überfällige Würdigung seines Schaffens zu sehen.

Seine Bücher werden noch gelesen. "Kein Schlaf bis Hammersmith" und "Die Pannschüppe" sind 2020 erschienen, herausgegeben von Willems. 800 Seiten, die zeigen, was für ein Autor er war: lakonisch, direkt, kompromisslos, mit einem Sound, den keiner nachmachen kann.

Frank Schäfer schrieb in der taz, er würde Welt sofort den Peter-Weiss-Preis verleihen. Dafür, dass er notorisch unangepasst blieb. Dafür, dass er vom Schreiben nicht leben konnte und trotzdem schrieb.

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