Jazz

John Coltrane und Miles Davis und Art Blakey und Cannonball Adderley und Milt Jackson und vielleicht auch Thelonious Monk

Jazz
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Dieser Beitrag erschien zuerst auf JanMontag.de, aber da ist nicht genügend Platz.

Es gibt eine bestimmte Art von Freiheit, die ich fast ausschließlich im Jazz der 1960er Jahre finde. Eine Freiheit, die ohne Worte auskommt und gerade deshalb so viel sagt. John Coltrane, Art Blakey, Miles Davis – Namen, die man beinahe ehrfürchtig aufzählt, obwohl es mir eigentlich weniger um den Kanon geht als um das Gefühl, das diese Musik bis heute in mir auslöst.

Gestern bin ich zufällig über ein Video gestolpert, in dem der Altkünstler Miles Davis in der "Arsenio Hall Show" auftritt ein neues Lied präsentiert und ich dachte nur: du kannst versuchen cool zu sein, aber du wirst nie so Miles-Davis-In-Seiner-Bunten-Jacke-80s-Style-Galore cool sein!

Miles Davis in der Arsenio Hall Show

Wie das Flügelhorn und das Saxophon miteinander spielen ist unglaublich gut. Auch wenn Miles gesundheitlich angeschlagen kaum noch den Talk der Show wahrnehmen kann, so muss ich mich doch verbeugen. In einer Zeit, den 80s, mit ganz viel neuer Musik, mit Millionensellern schafft es Miles Davis, trotz künstlerischer Avantgarde, zum Megastar aufzusteigen und seiner Kunst treu zu bleiben. Unglaublich gut.

Was mich an diesem Jazz besonders fasziniert, ist seine Konsequenz, auf die menschliche Stimme zu verzichten. Keine Texte, keine klaren Botschaften, kein „Ich meine dies oder das“. Stattdessen übernehmen Trompeten, Saxophone, Schlagzeug und Bass die Rolle des Erzählers. Und sie tun das mit einer Direktheit, die Sprache oft nicht erreicht. Eine Trompete, die sich selbst bedient, sich windet, aufbäumt, zurückzieht – das ist für mich ehrlicher Ausdruck. Man hört Denken, Suchen, Zweifeln und Entschlossenheit in Echtzeit.

Ich hab Jazz nie begriffen oder verstanden, ich kann die Songstrukturen nicht nachvollziehen aber ich konnte Jazz schon immer fühlen. Dass da etwas besonderes passiert wenn Leute miteinerander jazzen.

Miles Davis war darin zweifellos eine ikonische Figur. Cool, distanziert, manchmal fast unnahbar. Gerade seine Zurückhaltung, dieses kontrollierte Spiel mit Pausen und Brüchen, macht ihn so wirkungsvoll. Davis musste nicht laut sein, um präsent zu sein. Seine Trompete sprach mit einer Lakonie, die fast arrogant wirkte, aber genau darin lag ihre Autorität. Später wurde seine Musik sperriger, abstrakter, aber die Haltung blieb: keine Erklärungen, keine Zugeständnisse.

Und doch – so sehr ich Miles Davis schätze – steht John Coltrane für mich noch einmal auf einer anderen Ebene. Coltrane ist weniger Pose, weniger Coolness, dafür mehr Dringlichkeit. Sein Spiel wirkt wie eine existenzielle Notwendigkeit. Man hört bei ihm nicht nur Virtuosität, sondern eine beinahe spirituelle Suche. Seine Soli sind keine Statements, sondern Prozesse. Sie wollen nicht gefallen, sie wollen etwas herausfinden.

John Coltranes My Favorite Things

Bei John Coltrane kommt für mich noch etwas Entscheidendes hinzu: eine radikale Ernsthaftigkeit. Sein Spiel wirkt nie dekorativ oder beiläufig, sondern immer notwendig. Selbst in den ruhigeren Passagen schwingt eine innere Spannung mit, als könne er jederzeit wieder ausbrechen. Coltrane spielt nicht, um zu unterhalten, sondern um etwas zu durchdringen. Man hört Einflüsse aus Blues, Gospel, indischer Musik und freier Improvisation, aber nichts davon wirkt beliebig. Alles ordnet sich einer Suche unter, die größer ist als Stilfragen oder Epochen. Gerade in Alben wie A Love Supreme oder den späten Live-Aufnahmen zeigt sich diese Kompromisslosigkeit: Die Musik fordert Aufmerksamkeit, Geduld und Offenheit – und schenkt dafür eine Tiefe, die mich immer wieder zurückkehren lässt.

Cannonball Adderley bringt in diesen Kosmos noch einmal eine ganz eigene Farbe ein. Wo Coltrane oft nach innen drängt und sich in langen, suchenden Linien verliert, klingt Adderleys Altsaxophon offener, wärmer, fast gesprächig. Sein Spiel hat eine Erdung im Blues und im Soul, die unmittelbar zugänglich ist, ohne jemals banal zu werden. Man hört bei ihm Freude, Swing und eine körperliche Präsenz, die den Jazz dieser Zeit mit einer besonderen Lebendigkeit auflädt. Gerade diese Mischung aus technischer Brillanz und emotionaler Direktheit macht ihn für mich zu einer wichtigen Stimme – auch wenn er ohne Stimme spielt.

Cannonball Adderley und Milt Jackson - Things Are Getting Better Album

Besonders spannend finde ich Adderleys Rolle im Umfeld von Miles Davis, etwa auf Kind of Blue. Während Davis die kühle Struktur vorgibt und Coltrane die Grenzen auslotet, wirkt Adderley oft wie der Vermittler: Er hält die Musik zusammen, erdet sie, bringt sie zurück zum Groove. Seine Soli erzählen Geschichten, die man sofort versteht, ohne dass sie simpel wären. Vielleicht ist es genau diese Balance aus Zugänglichkeit und Tiefe, die Cannonball Adderley so unverzichtbar macht – ein Musiker, der zeigt, dass Jazz gleichzeitig anspruchsvoll, warm und zutiefst menschlich sein kann.

Art Blakey wiederum präzisiert, dass Rhythmus nicht bloß Begleitung ist, sondern Haltung. Sein Schlagzeug treibt an, fordert heraus, hält zusammen. Auch hier keine Stimme nötig – das Schlagzeug spricht laut genug.

Vielleicht liebe ich diesen Jazz gerade deshalb so sehr: weil er mir nichts erklärt. Weil ich ihn nicht verstehe. Weil ich gar nicht erst anfangen muss darüber zu philosophieren wie bei anderen Dingen. Er lässt Raum. Raum für eigene Gedanken, für Stimmungen, für Zweifel. In einer Welt, die permanent spricht und kommentiert, ist diese wortlose Intensität für mich bis heute unschlagbar.

Ich kann da einfach nur zuhören.





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