Like The Deserts Miss The Rain
And I miss you... so oder ähnlich folgt der Titel einem Song der Band Everything But The Girl. "Das ist aber lange her..." mag man da denken. Und in der Tat, ich glaube wir sind Anfang der 2000er Jahre. Also in einer Zeit in der Modems noch Gang und Gäbe, ISDN digitale Erweckung und Technik wie DSL far beyond of everything waren. Und schon sind wir im Thema.
Ich vermisse das alte Internet
Ich habe mit dem Internet zu einer Zeit angefangen, da hieß mein System noch Windows 95 und es gab erste AOL CDs, die kostenlos überall herum lagen. Ich meine, dass das damals so viele CD'S waren, das alsbald Initiativen gegen diese "Umweltbelästigung" wie No More AOL CD's folgten. Damit fing es an, weil die Gebühren immerhin nicht extra noch für den Provider (T-Online, AOL, Compuserve...) anfielen, 100h frei, sondern nur für die Telefonleitung. Und die war teuer genug.
Aber eigentlich begann es etwas früher. Wir sind noch vor dem Millenium, um Robbie Williams zu zitieren, und ich bin mit 56k-Modem am Computer meiner Eltern online. Ein Pentium 75 von Compaq. Ich finde diese eben neu entdeckte digitale "Welt da draußen" so unfassbar aufregend, allem voran für das schüchterne Nerdkind auf dem Dorf natürlich die Möglichkeit der Chats, eingebaut in AOL. Wie spannend, die ersten Bekanntschaften über Kilometer hinweg. Brieffreundschaften. Aber auch schon Online-Gaming. Kingpin: Life of Crime (Link) war unser Spiel, neben späterem Quake III Arena. ICQ lief auch immer, OH OH, in der Taskleiste und es war die erste Aktivität nach der Schule: Rechner hoch fahren, ins Internet einwählen, ICQ starten, Freunde online, chatten.
Noch vor diesen Dingen durfte ich in der Schule, wahrscheinlich in der 6./7. Klasse herum, einen Kurs "Internet" besuchen, bei dem wir u.a. "lernten", wie man mit der Microsoft Software Frontpage 2.0 / 3.0 (Versionsliste) Websites erstellt.
Da habe ich also das erste mal HTML kennen gelernt, Netscape und Internet Explorer 5.X - war das aufregend. Und diese Erfahrung hat recht schnell dafür gesorgt, dass ich mir (kostenlose, werbefinanzierten) Lycos / Tripod Webspace besorgte und dort via FTP meine ersten HTML-Dokumente zur Verfügung stellte. Meine Website hatte Blog-Charakter denn ich habe dort immer schon eingetragen was es neues gibt, mit Datum. Meistens ging es um die Website selbst, manchmal aber auch um Veranstaltungshinweise in meiner Gegend und später Parties, an denen ich teilnehmen würde. Eine Art Social Media wie ich es heute noch verwende: ich sende, der Rest ist mir oft egal. 😄

Ich kam auch recht früh schon mit Linux in Berührung. Einer PC-Zeitschraft lag eine CD-Rom DLD Linux bei, was für Deutsche Linux-Distribution stand und von mir ausprobiert wurde. Das erste mal der Versuch, die Grafikkarte für den X-Server zu konfigurieren (Elsa Erazor II), das Verständnis des "Alles ist eine Datei" Ansatzes von Linux und das Kennenlernen von Softwarepaketen wie LaTeX, was ich damals sehr witzig fand. Jahre später sollte ich meine BA-Thesis damit setzen, aber damals verstand ich ein Satzsystem noch nicht wirklich.
Allerdings verkabelte ich nun das Elternhaus (ca. 2003), Linux wurde auf einem PC im Keller (Server) installiert (Red Hat Linux und später das kompatible aber freie CentOS) und stellte so einen Router zur Verfügung, der sich erst noch bei Bedarf via ISDN einwählte, wenig später aber schon gegen DSL getauscht wurde und dauerhaft online war. Der Rechner verfügte über zwei Netzwerkkarten, eine führte zum DSL-Modem, die andere zum Hub (nicht Switch). So installierte ich das erste mal Sendmail, Apache und natürlich auch anderes verrücktes Zeug (wie einen IceCast MP3-Streaming Relay-Server, um Bandbreite zu sparen). Der Server war damals schon über eine DynDNS Adresse erreichbar.

Doch was mir heute am meisten fehlt, ist nicht die Technik, sondern die Haltung. Dieses frühe Internet fühlte sich an wie ein riesiger, unentdeckter Spielplatz oder eine Dachbodenparty, zu der nur eine handvoll Leute den Weg kannte. Man war unter sich, zumindest dachte ich das, ich wollte immer Teil einer (Jugend)Bewegung sein, unter Nerds, die alle die gleichen weißen Narzissen im Kopf hatten. Selbst in den Hochburgen der Diskussion, den Newsgroups des legendären Usenet, gab es eine Art soziales Fundament: die Netiquette. Sie war der ungeschriebene Verhaltenskodex, der forderte, dass man sich vor dem Posten die FAQ durchließ und keine Off-Topic-Beiträge verfasste. Klar, das konnte pedantisch sein, und an jeder Ecke lauerte ein selbsternannter Blockwart, der einen für einen Doppelpost oder eine falsche Betreffzeile zurechtwies. Vor allem aber für falsches Encoding in den Headers. Und ja, Trolle gab es natürlich auch damals schon – der Begriff kommt schließlich nicht von ungefähr. Aber ihre Reichweite war begrenzt. Ihr Gift konnte sich nicht via Algorithmus millionenfach verteilen und die Debatte innerhalb von Stunden vergiften. Man konnte sie ignorieren. Ins Killfile wandern lassen. Das Geräusch war ein Plonk. Wenn sie unten aufgekommen waren oder sie wurden nach einigen Runden vom Moderator gekickbant.
Heute fehlt uns die Debatte. Die Kultur. Die Werkzeuge der Wehrsetzung. Uns fehlt eine Idee, wie wir leben wollen.
Heute fühlt sich das Internet oft an wie eine überfüllte, anonyme Großstadt, in der die Lautesten und Bösartigsten den Ton angeben. Social Media Silos haben gewonnen. Eine Dystopie wie 1984 als Werbespot von Apple. Die Magie der frühen Stunde ist dem gnadenlosen Optimierungswahn der Plattformen gewichen, die uns in Filterblasen einsperren und mit Empörung Klicks generieren. Der Austausch ist nicht mehr ein Miteinander, sondern oft ein Gegeneinander. Die dereinst nervige Netiquette wurde durch den Like-Button und den Shitstorm ersetzt. Die schützende Anonymität von damals hat sich in eine toxische Anonymität verwandelt, die Menschen dazu ermutigt, ihre schlechtesten Instinkte ohne Konsequenzen auszuleben. Anstatt uns zu verbinden, scheint uns das Netz oft nur noch zu entzweien. Ich vermisse nicht die Blockwarte, aber ich vermisse dieses Grundgefühl, dass man es zumindest versuchte, sich an Regeln zu halten. Es war naiv, es war chaotisch, und oft nervig, aber verdammt nochmal, der Wille zu einer respektvollen Diskussion war zumindest in der Theorie noch da.
Everyday is silent in gray
Der narzistische Egotrip des heutigen Instagram-Influencer-Wahns. Darüber würde ich gern ein Buch schreiben. Es beleuchten. Stattdessen bringe ich den alten C=64 oder die MS-Dos Kiste online und verliere mich in Gesprächen auf alten, neuen und wieder erstarkten BBS Systemen. Keine Werbung. Kein Überhang. Reduziert. Irgendwie cool aber auch nicht nur. Deshalb setzt sich ja auch das Gemini:// Protokoll (Was?) nicht durch. Ich könnte noch ewig so weiter machen, aber ich verliere mich in Kakophonie und die ist nicht erst seit Sozial-Totengräber Gerhard Schröder furchtbar [^1].
Ciao
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