[Shortstory] „Noch einen Tag“

Und so wurde es leichter

„Ich muss das ja gar nicht machen. Ich muss nicht aufstehen, zur Arbeit gehen, leben. Ich kann das beenden. Jeden Tag.“ Und seitdem geht es ihr besser. Seitdem sie dieses Zwiegespräch mit sich selbst hatte - und sie war schon immer ziemlich unglücklich, trostlos und schwarz - seitdem ging es ihr besser. Tag für Tag. Jeden Tag. Jeden Tag ein neuer Start. Jeden Tag ein Überleben. Aber die Option des Ausstiegs, eines psychisch-mentalen und vor allem selbstbestimmten Exits, der erleichterte vieles. Alles. Fast immer. Denn… „Mit einem festen Plan B kann man gut Plan A bearbeiten.“

So stand sie am Fenster in ihrem 12-Geschosser, ganz oben, blickte in den Osten und beschrieben, dass im Sommer hier und im Winter dort die Sonne aufginge, jedoch immer aufginge. Wie schön das sei und wie sehr sie das schätzen würde. Und dabei kullerten ihr Tränen über die Wange, einsam suchten sie den Weg hin zum Linoleumboden, sammelten sich wie bei einer AFD-Kundgebung die unlängst in ihrem Bezirk stattgefunden hatten und versalzten in Endlichkeit.

Der Gedanke an die Endlichkeit dieser Tränen ließ sie lächeln. Es war ein bitteres Lächeln, ein Lächeln voll resignierter Akzeptanz. 
Die Vorstellung, dass ihre Tränen irgendwann versiegen würden, brachte ihr eine eigenartige Ruhe.  

Sie war nicht zurück gezogen, konnte teilhaben an der Fröhlichkeit anderer. Sie wurde häufig als offener und herzlicher Mensch beschrieben - aber in sie hinein blicken, das konnte eben niemand. Sie konnte diese Freude in sich nicht spiegeln. Sie spürte sie nicht. Nicht mehr. Früher war das nämlich anders. 
Früher hatte sie gelacht, echtes Lachen, das tief aus dem Bauch kam. Früher hatte sie sich auf Dinge gefreut, auf Treffen mit Freunden, auf den ersten Schnee, auf das Eintauchen in ein neues Buch. Doch jetzt war all das fern. Es war, als wäre sie durch eine dicke Glasscheibe von der Welt getrennt. Sie konnte sie sehen, aber nicht mehr berühren.

Welt in Scherben
Mensch aus Glas

Dennoch war sie noch da. Noch einen Tag. Und noch einen.

Sie trat einen Schritt vom Fenster zurück, rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht, als wollte sie die Tränen fortwischen, die nassen Spuren auf ihrer Haut auslöschen. Dann atmete sie tief ein und schloss die Augen. Ihr Herz schlug ruhig, fast zu ruhig. Eine Müdigkeit legte sich auf ihre Glieder, aber nicht die Art von Müdigkeit, die mit Schlaf zu vertreiben war.

Ihr Handy vibrierte auf dem Tisch. Sie überlegte einen Moment, ob sie es ignorieren sollte, doch dann nahm sie es doch in die Hand. Eine Nachricht von Marie.

"Hey, Lust auf einen Kaffee? Ich hab was zu erzählen!"

Marie. Immer voller Geschichten, immer voller Leben. Sie konnte nicht sagen, dass sie sich freute, aber sie konnte auch nicht sagen, dass es ihr egal war. Also schrieb sie zurück:

"Okay. Wann und wo?"

Es war ein kleiner Schritt. Kein großer. Aber vielleicht war es das, was zählte. Dass sie immer noch da war. Noch einen Tag. Und noch einen.

Während sie sich ihre Jacke anzog und den Schlüssel nahm, fiel ihr Blick noch einmal zum Fenster. Die Sonne war hinter den Häusern verschwunden, aber ihr Licht war noch da. Wie ein Echo des Tages. Wie ein Versprechen.

⁄Ende



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