Warum ich immer häufiger mein Handy weg lasse
Ich habe am Wochenende meine Canon Digital Ixus Camera wiedergefunden und möchte fortan mit ihr Fotos erstellen. Also die von unterwegs. Ich möchte vor allem aber mein Smartphone zu Hause liegen lassen und meine langen Spaziergänge und Aktivitäten ohne Telefon tätigen. So wie früher. Ich möchte mein Smartphone-Detoxing verstärken und nach Möglichkeit auf die allumfassende Erreichbarkeit, Kurzkonzentration und was alles noch damit zusammenhängt, verzichten. Ich möchte es sogar aktiv unterbinden. Auch und vor allem dem Drang möchte ich mich widersetzen, gleich von unterwegs einen Post abzusetzen sondern zu warten, das Erlebte sich setzen zu lassen, die Bilder mit einem alten USB 2.0 Kabel herunter zu laden, zu bearbeiten, eventuell wieder hoch zu laden und dann etwas dazu zu sagen. Mit einer Zwischensequenz des Denkens.

Der Wunsch, sich aus der digitalen Dauerverfügbarkeit zurückzuziehen, ist dabei aber kein technikfeindlicher Impuls, sondern ein zutiefst philosophischer. Er berührt Fragen nach Zeit, Aufmerksamkeit, Selbstverhältnis und Weltbezug. Smartphones sind nicht einfach Werkzeuge; sie strukturieren meine Wahrnehmung. Sie fragmentieren meine Zeit in Benachrichtigungen, zerlegen Erfahrung in potenziell teilbare Ereignisse und verschieben den Fokus vom Erleben zum Dokumentieren. Was ich sehe, sehe ich immer auch schon im Hinblick darauf, wie es geteilt werden könnte. Bestes Beispiel dafür sind immer noch die Foodblogger, die einfach nicht in Ruhe essen können, weil sie teilen und antworten müssen. Oder ich, der einen langen Spaziergang am Wochenende nicht des Spazierens wegen tut, sondern um die gemachten Fotos sofort auf Social Media zu teilen.
Eva Illouz zeigt mit ihrer Emotionalisierung der Öffentlichkeit, wie stark Selbstwahrnehmung vom antizipierten Blick anderer geprägt ist. Selbst intime oder banale Momente werden innerlich bereits „für ein Publikum“ erlebt. Das Smartphone fungiert dabei als permanenter Zeuge.
Wenn ich also viel öfter ohne Telefon unterwegs bin, entziehe ich dem Moment sein implizites Publikum. Das Erlebte muss niemandem gefallen, niemandem erklärt werden, niemandem genügen. Wie entspannend, oder? Das Festhalten mit der Kamera ist so endlich kein performativer Akt mehr, sondern ein privates Archivieren von Bedeutung. So wie ich mir das wünsche. Für mich. Und vielleicht auch später noch für andere.
Byung-Chul Han beschreibt die Gegenwart nicht mehr als Disziplinargesellschaft, sondern als "Leistungsgesellschaft, in der wir uns selbst ausbeuten". Das Smartphone ist dabei kein Überwachungsinstrument von außen, sondern ein Selbstoptimierungs- und Selbstexpositionsgerät. Erreichbarkeit ist keine Pflicht mehr, sondern eine internalisierte Erwartung.
Mein Rückzug lässt sich hier als Wiederaneignung von Negativität verstehen:
Nicht erreichbar sein, nicht reagieren, nicht posten – das sind bewusste Unterlassungen in einer Kultur, die ständige Positivität verlangt. Han spricht davon, dass Tiefe, Kontemplation und Dauer nur dort entstehen, wo etwas nicht sofort verfügbar ist. Und es fällt mir nicht leicht.
Dass ich später posten will ist also philosophisch kein Aufschub, sondern Widerstand gegen die Diktatur des Jetzt. 😄
In dieser Logik wird Gegenwart zu einem Durchgangsstadium. Der Moment ist nicht mehr Selbstzweck, sondern Rohmaterial. Der französische Philosoph Henri Bergson unterschied zwischen messbarer Zeit und gelebter Dauer. Smartphones ziehen uns permanent aus dieser Dauer heraus. Sie zerhacken den Fluss der Erfahrung in kleine, abrufbare Einheiten. Der Spaziergang wird unterbrochen, nicht nur äußerlich, sondern innerlich: durch den ständigen Impuls zu prüfen, zu reagieren, zu antworten.
Matthew Crawford argumentiert, dass Aufmerksamkeit heute ein umkämpftes Gut ist. Digitale Systeme sind darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit zu binden, nicht Bedeutung zu erzeugen. Das Smartphone kolonisiert nicht nur Zeit, sondern auch Intentionalität: Es bestimmt, worauf ich mich richte – oft gegen meinen Willen.

Mein Wunsch, das Telefon zu Hause zu lassen, lässt sich als phänomenologische Reinigung verstehen und das kann man folgendermaßen beschreiben: ich reduziere die Anzahl möglicher Handlungen, um die verbleibenden intensiver wahrnehmen zu können. Die alte Kamera zwingt (mich) zur Entscheidung, nicht zur Reaktion.
Weniger erreichbar sein zu wollen ist deshalb kein Rückzug aus der Welt, sondern ein Versuch, wieder in ihr anzukommen. Erreichbarkeit bedeutet heute vor allem Reaktionspflicht. Wer erreichbar ist, steht in einem latenten Arbeitsverhältnis zur Welt. Jede Nachricht trägt die implizite Frage: „Warum antwortest du nicht?“ Sich dem zu entziehen heißt, sich wieder ein Recht auf Unverfügbarkeit zu nehmen – ein Recht, das der Soziologe Hartmut Rosa als Voraussetzung von Resonanz beschreibt. Resonanz entsteht nicht unter Zwang, sondern dort, wo etwas antworten kann, nicht muss.




Meine Canon Digital Ixus von allen Seiten.
Gleichzeitig bleibt der Wunsch, die Welt festzuhalten. Fotografieren mit einer alten Digitalkamera ist dabei kein nostalgischer Gag, sondern ein anderes Verhältnis zur Technik. Die Kamera ist zweckgebunden. Sie kann fotografieren – sonst nichts. Sie fordert eine Entscheidung: Jetzt oder nicht. Kein Scrollen, kein Sofort-Feedback, keine Statistik. Das Bild bleibt zunächst bei mir. Es muss warten. Und mit ihm auch die Bedeutung dessen, was ich erlebt habe.
Kein richtiger Text ohne Rosa 😄 Hartmut Rosa in unserem Falle! Er unterscheidet zwischen Verfügbarkeit und Resonanz. Moderne Gesellschaften versuchen, Welt permanent verfügbar zu machen – messbar, teilbar, beschleunigt. Doch echte Resonanz entsteht nur dort, wo Welt sich nicht erzwingen lässt.
Mein Vorgehen bezüglich gehen, erleben, später anschauen und später schreiben erzeugt (für mich) genau diese Resonanzachse:
- Körperliche Bewegung (Spaziergang)
- Zeitliche Verzögerung
- Reflexive Rückkehr zum Erlebten
Das Sofort-Posten zerstört irgendwie diesen Resonanzraum, weil es Erfahrung sofort in Output verwandelt. Mein Detoxing ist schon ein bisschen auch ein Eskapismus, aber vor allem auch ein Resonanzexperiment.
Mein Warten ist philosophisch entscheidend. Frau Arendt hat damals benannt, dass Bedeutung erst im Nachdenken entsteht, nicht im unmittelbaren Vollzug. Eine Sache die ich versuche immer zu leben. Auf alles bezogen, auch auf die Arbeit und den Umgang Anderer. Aber hier meine ich, dass sofort geteilte Erlebnisse diesen Prozess verkürzen. Das Erlebnis wird externalisiert, bevor es sich innerlich setzen konnte. Das spätere Herunterladen über ein altes USB-2.0-Kabel, das Bearbeiten, das erneute Anschauen – all das verlangsamt. Es schafft Distanz, und gerade diese Distanz macht Reflexion möglich.
Der digitale Rückzug ist für mich kein Verlust, sondern eine Verschiebung: weg von der permanenten Aktualität hin zur Nachträglichkeit. Weg von der Echtzeit hin zur Erinnerung. Die Welt wird nicht weniger festgehalten, sondern anders – weniger als Beweis der eigenen Präsenz, mehr als Spur einer Begegnung.
Zum Schluss bleibt für mich also eigentlich nur Post-Digitalität und Verzögerung, so wie sie Bernard Stiegler beschreibt. Genauer beschreibt Stiegler Technik als Gedächtnisstütze, die unser Denken formt. Schnelle Technik erzeugt schnelles Denken – oft auf Kosten von Tiefe. Tech-Dumbness. Und wenn ich jetzt sage dass immer mehr Menschen komplexe Dinge nutzen ohne sie zu hinterfragen oder deren Funktionalität richtig zu verstehen, kann man mir mit Atombomben kommen, aber die sind nicht für jedermann. Quantenmechanik im Alltag auch nicht. Aber Technik eben schon. Sowie Medienkompetenz. Aber das Fass mache ich jetzt nicht mehr auf.
Mein "analoger Workflow" (USB-Kabel, manuelles Übertragen, spätere Bearbeitung) führt also eher eine produktive Reibung ein. Diese Reibung ist erkenntnisfördernd. Sie verhindert die Kurzschlussreaktion zwischen Erlebnis und Veröffentlichung. Aber halt nicht trotz, sondern wegen der Umständlichkeit entsteht Bedeutung. Und jetzt höre ich auf und frage, wer mitmacht. Außer wirres, der macht das nämlich bei vielen Dingen auch oft so - oder denkt darüber nach.