Werd ich Lifelogger?
Ich bin ja jemand, der Biografien total spannend findet. Dabei muss die Person aber keineswegs berühmt sein. Ich liebe zum Beispiel diese Langzeitdokumentation Die Kinder von Golzow [^1] total und wenn ich mir vorstelle, wie diese Schulklasse mit ihren unterschiedlichen Startmöglickeiten durch die DDR und über die Wende bis in die Zweitausender hinweg begleitet wurde, man Anteil hat, dann berührt mich das. So ging es mir auch neulich wieder, als ich auf die 1990er Dokumentation Bauer Körbls Reise (Link) aufmerksam wurde.
Grund genug also, mich mit dem Thema Lifelogging zu beschäftigen. Mit was? Ja genau!
Lifelogging ist also mehr als das simple Festhalten von Daten oder Ereignissen: Es ist der Prozess, alles, was an für mich bedeutsamen Erlebnissen, Einsichten, Ideen und Informationen passiert, systematisch zu dokumentieren und in eine langfristig nutzbare Struktur zu überführen. Im beruflichen Kontext kann mir ein solches System vielleicht helfen, komplexe Projekte zu koordinieren, Wissen für langfristige Entscheidungen greifbar zu machen und kreative Zusammenhänge sichtbar zu machen, die mir im Alltagsgeschäft sonst verborgen bleiben. Im privaten Bereich unterstützt Lifelogging die Reflexion von Gewohnheiten, Zielen und persönlichen Entwicklungen – als externes Gedächtnis, das mich entlastet und zugleich inspiriert. Für mich also als Gedächtnisstütze zu verstehen.
Ich finde das spannend und betreibe Logging, sehr reduziert, mit meinen Weblogs und früher Webseiten ja ohnehin schon seit Ende der 90er Jahre, weil ich schon immer Dinge in meinem schnöden Alltag festgehalten habe. Aber diesmal, also als Lifelogger, da möchte ich das nicht öffentlich tun, sondern für mich. Ich möchte eine Struktur mit vernetzten Notizen schaffen in denen ich mich bewegen kann.
Da sind Kalendereinträge und tägliche Notizen (die ich an gewissen Stellen sowieso anlege), angereichert mit Links und/oder weiteren Informationen, die mit einander verbunden werden und durch kluge Software zu einem zweiten Gehirn heran wachsen. Die Notiz über dies und das im Jahr 2003 ist nur eine Notiz, aber wenn ich im Jahr 2026 wieder mit dem Thema zu tun habe und mir mein zweites Gehirn hier einen Link erstellt, weil es die Information findet, dann hilft mir das (vielleicht). Ich möchte das ausprobieren.
Ein historisches Beispiel dafür, wie ein Mensch über Jahrzehnte sein persönliches Wissens- und Lebensarchiv aufgebaut und genutzt hat, liefert Buckminster Fuller mit seinem Dymaxion Chronofile. Fuller begann bereits im Jahr 1917 damit, nahezu jeden Aspekt seines Lebens zu dokumentieren: Briefe, Rechnungen, Skizzen, Notizen, Zeitungsausschnitte und Korrespondenzen sammelte er in einem riesigen Chronofile-Archiv, das er bis in die 1980er Jahre erweiterte. Dieses Archiv stellte für ihn nicht nur eine Erinnerungshilfe dar, sondern einen wissenschaftlichen Datensatz, mit dem er Erkenntnisse über das Zeitalter der beschleunigten Entwicklung und „ephemeralization“ gewinnen wollte – also über das Prinzip, mit weniger Ressourcen immer mehr erreichen zu können. Fullers Chronofile ist heute eine Quelle historischer und methodischer Einsichten darüber, wie ein Leben als offene Datenstruktur gedacht werden kann, und erinnert uns daran, dass Lifelogging kein rein technisches Artefakt ist, sondern ein bewusstes Lebensprojekt.
In der Wissensarbeit ist ein anderes, institutionell geprägtes Beispiel vielleicht noch relevanter: Niklas Luhmanns Zettelkasten. Luhmann, einer der einflussreichsten Soziologen des 20. Jahrhunderts (ich kenne ihn aus dem Studium als Systemtheoretiker), baute über mehr als drei Jahrzehnte ein analoges Notizsystem aus etwa 90000 Karteikarten auf. Jede Notiz trat als selbstständiger Gedanke auf, wurde eindeutig nummeriert und mit anderen Karten durch Querverweise vernetzt. Aus diesem „zweiten Gehirn“ entstanden mehr als siebzig Bücher und hunderte Aufsätze – ein klarer Beweis dafür, dass ein externes Wissensnetz die produktive Kapazität des Denkens erheblich erweitern kann.
Heute wird der Kern dieser Technik digital nachgebildet und weiterentwickelt – am prominentesten mit der Software Obsidian, einem Markdown-basierten Notizwerkzeug, das durch bidirektionale Links, graphische Visualisierungen und eine intensive Plugin-Gemeinschaft ein „Second Brain“ technisch zugänglich macht. Obsidian speichert alle Notizen lokal in offenen Textdateien, wodurch das Archiv sowohl zukunftssicher als auch unabhängig von proprietären Cloud-Diensten bleibt – eine essentielle Eigenschaft für ernsthaftes Lifelogging und persönliche Wissensarchitektur.
Im Zentrum dieses digitalen zweiten Gehirns stehen Methoden des Personal Knowledge Management (PKM), von denen die Zettelkastenmethode eine zentrale Rolle spielt. Inspiriert durch Luhmann wird hier nicht bloß Information gesammelt, sondern atomare Notizen erstellt – jede Notiz enthält einen klar abgegrenzten Gedanken, der mit anderen über Links und Tags verknüpft wird. Diese Vernetzungslogik schafft nicht nur Wiederauffindbarkeit, sondern eine emergente Struktur von Wissen, die quer zu starren Themen hierarchien neue Einsichten ermöglicht.
In Obsidian existieren dazu verschiedene Plugins, die das Luhmann-Prinzip noch näher an die digitale Praxis bringen: So unterstützt etwa das Luhman-Plugin (selbstverständlich ein N) die Anlage von Zettelkasten-Notizen mit eindeutigen Luhmann-stilisierten IDs und vereinfacht gleichzeitig das Erstellen von Verknüpfungen zwischen einzelnen Zetteln. Andere Community-Erweiterungen wie die Zettelkasten Navigation bieten graphische Ansichten, die sowohl die Folgeketten von Gedanken als auch Schlüsselwort-Indizes visualisieren, wodurch die Navigation im eigenen Wissensnetz erleichtert wird.
Doch Lifelogging im Sinne eines zweiten Gehirns ist nicht nur Verwaltung von Wissen, es ist eine Art Haltung. Ich weiß nicht, ob mir das zu anstrengend wird, weil ich mich kenne. "Hast du das schon ins Journal eingetragen?" "Dort musst du noch einen Link setzen". Ich neige dazu, obsessiv zu werden.
In Obsidian lassen sich beispielsweise Tages- oder Lebensjournale mit Aufgaben, Reflexionen, Lese- und Arbeitsnotizen verbinden. Mit Plugins für Spaced Repetition oder Flashcards kann man aus dem Archiv sogar ein aktives Lernsystem machen, das nicht nur organisiert, sondern auch erinnert und Wissen langfristig verankert. Ebenso können Visualisierungs-Plugins helfen, Muster im eigenen Verhalten oder Gedanken zu erkennen – ein wertvoller Output gerade in beruflicher Planung oder persönlicher Entwicklung.

Die Verknüpfung von Lifelogging mit einem digitalen zweiten Gehirn öffnet mir zudem Perspektiven über den reinen Nutzen hinaus: Wenn ich meine Notizen nicht als lineare Auflistung, sondern als Netzwerk von Gedanken betrachte, dann wird mein Archiv selbst zu einem aktiven Sparringspartner. Luhmann beschrieb den Zettelkasten als eine Art kommunikativen Partner, der ihm beim Denken half, weil die Rückkopplungen zwischen Notizen immer wieder neue Assoziationen erzeugten. Diese Dynamik, die einst in Holz- und Pappschachteln realisiert wurde, findet heute eine potente digitale Entsprechung – offen, vernetzbar und nachhaltig gespeichert in Markdown-Dateien.
Letztlich zeigt sich: Ob als wissenschaftliches Werkzeug, kreatives Denkmedium oder Lebensarchiv – Lifelogging (mit Obsidian) kann einen praktischen Ansatz bieten, um die Masse unserer Informationen zu bändigen und gleichzeitig nutzbar zu machen.
Ich habe allerdings noch keine Anleitung zum Lifelogging mit Obsidian gefunden, die man einfach umsetzen könnte. Ich kann also nur beginnen und gucken, wie sich das System erweitert, was ich brauche und was wieder entfernt wird. Ob es überhaupt für mich funktioniert. Ich würde mit einem Kalenderplugin starten wollen, damit ich die dort ohnehin schon existierenden Notizen weiter verwenden kann. Und dann anreichern. Und schauen, was noch nötig ist.
Das schöne an Markdown Dateien aber ist natürlich, dass ich sie auch einfach veröffentlichen könnte: im Weblog, als PDF oder weiß der Geier. Mega gut.
Ressourcen

Obsidian Website und offizieller Download
Das Niklas Luhmann Archiv

Wikipedia über Buckminster Fuller

Obsidian Logging via Terminal
Luhmann Plugin
Fußnoten
[1]: Es begann 1961 – nur wenige Tage nach dem Bau der Berliner Mauer. Damals traten 18 Kinder im brandenburgischen Dorf Golzow ihren ersten Schultag an. Die Filmemacher Barbara und Winfried Junge begleiteten sie mit der Kamera – über Jahrzehnte hinweg. Aus einem Schulporträt wurde ein einzigartiges Zeitdokument: "Die Kinder von Golzow" gelten heute als älteste Langzeitbeobachtung der Filmgeschichte. Über mehr als vier Jahrzehnte hinweg zeichnen die Filme die Lebenswege von Mädchen und Jungen aus dem Oderbruch nach – durch Kindheit, Jugend und Erwachsensein, durch DDR-Zeit, Wende und Wiedervereinigung.


