The Cure
Ich schreibe an dieser Stelle ja gern mal über Musik. Weil mich Musik fast mein ganzes Leben lang begleitet. Weil sich Vorlieben für verschiedene Stile entwickelt haben und weil ich Musik nebenbei, bewusst und unbewusst, fast immer konsumiere.
Auf Arbeit, wenn mein eigener Navidrome Client (TerminalDrome) werkelt. Zu Hause, wenn ich eine Schallplatte höre (heute war es die Japanese Whispers) oder unterwegs, mit Kopfhörern. Und dann habe ich auch angefangen, alle Musikalien unter dem Hashtag #musique zusammen zu fassen. Dort findet man auch meine kleinen Bandbesprechungen. Ich habe neben Apoptygma Berzerk oder Townes van Zandt auch The Grateful Dead und Talk Talk beschrieben, oder mich ausführlich über Jazz ausgelassen und mein Vintage Audio Equipment vorgestellt. Bei letzterem haben damals gleich ein paar der Blogger-Kollegen eingestimmt und ihrerseits einen kleinen Artikel zum Vintage Equipment beigesteuert.

#musique auf HerrMontag.de
Und heute, heute möchte ich mich mit einer Band beschäftigen, die ich ausgesprochen vielseitig finde. Ich habe The Cure 2016 in Leipzig gesehen und war begeistert, obschon mir ihr Alter, also das von Robert Smith, damals schon sichtbar zu Ohren kam. Allerdings gab es bei jenem Konzert eine Besonderheit. The Cure traten 1989 oder 1990, kurz nach der Wende, als eine der ersten westlichen Bands in Leipzig auf und das kam zu jener Zeit einem Befreiungsschlag der ostdeutschen Grufties gleich. Ihre Helden hinterm Vorhang, plötzlich waren sie wirklich da. Sie spielten 2016 also sehr viel vom damaligen 1990er-Set und viele des 1990er Publikums waren auch 2016 wieder dabei. Es war also ein Homecoming für die Band und so auch für die vielen Fans. Durch den historischen Kontext war das etwas ganz besonderes. Das hat man wirklich gespürt.
The Cure
Die Wer?
The Cure ist eine britische Pop-/Rock-/Wave-/Gothic-Band, die 1976 im südenglischen Crawley als Malice gegründet wurde. Nach dem Ausstieg einiger Mitglieder benannte sich die Band 1977 zunächst in Easy Cure und 1978 schließlich in The Cure um.
Mein Einstieg in The Cure war A Forest. Genauer gesagt: das Basslauf-Intro, dieser trockene, unerbittliche Puls von Simon Gallup (Bassläufe werden seitdem ausschließlich von Joy Divisions Peter Hook getoppt), der klingt wie ein kalter Herzschlag in einem zu großen, leeren Zimmer. Ein Bass, der nicht begleitet, sondern eine Richtung vorgibt. Und dann diese Gitarre von Robert Smith. Das war kein klassisches Riffing, keine Virtuosität im Sinne von Handwerk, sondern anders groß. Heute kann ich den Song kaum noch hören, wie bei so vielen großen Songs wenn man sie überhört hat. Aber das tut der Sache an sich ja keinen Abbruch.
Man kann über The Cure kaum nachdenken, ohne sofort im Dickicht der Popkultur-Mythen zu landen: toupierte schwarze Haare, verwischter roter Lippenstift, Goth-Kult, Melancholie-Industrie, die Ikone Robert Smith und selbstverständlich auch immer Siouxsie and the Banshees, mit der Smith eine Freundshcaft verband und bei der er sogar mal aushalf. Und genau das liebe ich auf eine gewisse Art – diese schamlose, fast theaterhafte Inszenierung des eigenen Schmerzes. Aber genau wie bei der radikalen Offenheit der Grateful Dead oder den radikalen Verweigerungen im späten Werk von Talk Talk (hier) greift auch dieses Bild von The Cure viel zu kurz.
Crawley, Post-Punk und das Reduzieren auf das Nötigste
Um zu verstehen, warum The Cure bis heute diese seltsame, fast körperliche Anziehungskraft besitzen, muss man ins Jahr 1976 zurückgehen. Einige Jahre vor meiner Geburts. Wahnsinn. Nach Crawley, eine dieser tristen New Towns südlich von London. Keine historische Altstadt, keine sichtbare Seele – stattdessen Beton, Vorstadt-Lethargie und das Gefühl, am Rand der Welt zu stehen.
Die frühen The Cure – damals noch unter dem Namen Easy Cure – entstanden mitten in der Explosion des Punk. Doch während Bands wie The Sex Pistols ihre Wut in lautstarke Akkorde gossen, passierte bei Smith und seinen Mitstreitern etwas anderes. Sie machten die Musik nicht lauter, sondern leerer. Sie nahmen den Raum zwischen den Tönen heraus, sperrten das Pathos aus und füllten das Vakuum mit einer spröden, fast minimalistischen Architektur.
Das Debütalbum Three Imaginary Boys (1979) ist in gewisser Weise ein Missverständnis, von der Plattenfirma ohne das finale Einverständnis der Band zusammengestellt. Und doch zeigt es bereits diesen extremen Fokus auf das Wesentliche. Songs wie 10:15 Saturday Night funktionieren über Reduktion: Das Ticken eines tropfenden Wasserhahns, ein holziger Bass, eine schneidende Gitarrenlinie und eine Stimme, die nicht singt, um zu gefallen, sondern um den Zustand der eigenen Isolation zu protokollieren. Ich liebe dieses Album noch heute und lasse regelmäßig die Vinyl drehen.

Das war kein bunter Pop. Das war das akustische Äquivalent zu einem grauen Novembernachmittag in einer verlassenen Bushaltestelle.
The Cure in Zeiten des Thatcherismus:
Die Zeit war von Arbeitslosigkeit, sozialen Spannungen und politischen Konflikten geprägt. Diese düstere Stimmung spiegelte sich auch in der Musik der Band wider.
Robert Smiths Texte handelten nebenEinsamkeit und Angst vor allem auch vor gesellschaftlicher Entfremdung. Songs wie „A Forest“ oder „Disintegration“ vermittelten eine melancholische Atmosphäre. The Cure waren jedoch keine klassische Protestband mit direkten politischen Botschaften.
Stattdessen spiegelten sie die Unsicherheit und das Lebensgefühl vieler junger Menschen wider. Damit wurden sie zu einem wichtigen Ausdruck der britischen Jugendkultur dieser Zeit.
(vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Thatcherismus)
Die Trilogie des Abgrunds: Seventeen Seconds, Faith und Pornography
Was nach dem Debüt folgte, ist eine der faszinierendsten und radikalsten Entwicklungen der britischen Musikgeschichte. Innerhalb von nur drei Jahren schob sich die Band Schritt für Schritt näher an den Rand eines emotionalen Zusammenbruchs.
- Seventeen Seconds (1980) erfand das, was man später als Post-Punk oder Cold Wave bezeichnen sollte, im Grunde neu. Robert Smith reduzierte die Instrumentierung auf ein Minimum. Der Bass wurde zum führenden Instrument, das Schlagzeug spartanisch und trocken eingespielt, die Gitarren flirrtem wie Frost auf einer Fensterscheibe. A Forest ist nicht einfach nur ein Song; es ist eine Bewegung durch einen Raum, der mit jedem Schritt enger wird. Man verläuft sich in diesen Tönen.
- Faith (1981) ging noch einen Schritt weiter. Wer dieses Album hört, hört das Klingen einer tiefen Absenz. Die Melodien wirken wie Sakralmusik für Ungläubige. Die Atmosphäre ist durchtränkt von einer diffusen Trauer, einer existenziellen Leere, die nicht nach Antworten sucht, sondern sich in der Frage einrichtet.
- Und dann kam Pornography (1982).
Pornography
Man kann Pornography nicht als normales Rockalbum besprechen. Es ist eine Grenzerfahrung. Der Eröffnungssatz des Albums – „It doesn’t matter if we all die“ – ist kein stilistisches Pose-Setting für ein paar gothy Teenager, sondern das ehrliche Dokument einer Band, die sich am eigenen Nihilismus aufrieb.
Die Produktion ist massiv, claustrophobisch, voller dröhnender Schlagzeugmuster, flirrender Synthesizer und verzerrter Gitarrenwände. Die Band stand damals kurz vor der Selbstzerstörung. Exzessiver Drogenkonsum, schlaflose Nächte, interne Streitigkeiten. Simon Gallup und Robert Smith prügelten sich auf der Tournee; Gallup verließ danach vorübergehend die Band.
Pornography war der absolute Tiefpunkt – und gleichzeitig ein Meisterwerk der dunklen Musik. Es zeigte, dass Kunst manchmal an den Ort gehen muss, an dem es wehtut, um überhaupt noch etwas zu spüren. Wie der einfachste Borderliner oder wir, die sich immer mal wieder spüren müssen und dafür Gott weiß was tun. Es ist die ungezähmte, rohe Schwester jener emotionalen Abgründe, die man sonst nur in den dunkelsten Momenten des eigenen Lebens streift.
Der Befreiungsschlag: Pop als Maskerade
Die meisten Bands wären nach einem Werk wie Pornography aufgelöst worden oder vollkommen in der eigenen Bedeutungslosigkeit versunken. Robert Smith tat das einzig Unerwartete: Er erfand die Band neu. Nicht durch noch mehr Finsternis, sondern durch radikalen, bunten, fast absurd fröhlichen Pop.
Zwischen 1982 und 1985 erschienen Singles wie Let’s Go to Bed, The Walk und The Lovecats.

🐈⬛ 😸
Plötzlich hörte man Bläser, verspielte Bassläufe, elektronische Handclaps und Texte, die eher wie surrealistische Kinderreime wirkten. Wer The Cure bis dahin als die Hohepriester der Depression abgespeichert hatte, war entsetzt und belam ob des Pops echte Depression (und nein, wir nutzen Depression nicht iterativ).Doch schaut man genauer hin, erkennt man das Prinzip hinter dieser Wende: Pop war für Robert Smith kein Verrat an der Kunst, sondern eine Schutzmaske. Eine Verkleidung, um nicht im eigenen Abgrund zu ertrinken.
Diese Fähigkeit, das Düstere und das Leichtfüßige nebeneinander existieren zu lassen, führte schließlich zu jenem Doppelalbum, das bis heute als eine Art Manifest der Band gilt: Kiss Me, Kiss Me, Kiss Me (1987).
Hier gibt es keine klaren Grenzen mehr. Neben hysterisch frohen Popsongs wie Just Like Heaven stehen bedrohliche, funk-getriebene Alpträume wie The Kiss oder Snakepit. The Cure zeigten, dass eine Band kein monolithischer Block sein muss. Sie ist ein System, das sich ausbreiten kann – von der zarten Liebeserklärung bis zum psychedelischen Fiebertraum.
Disintegration: Das Monument des Vergehens
1989 stand Robert Smith kurz vor seinem 30. Geburtstag. Für viele Musikschaffende dieser Era war das eine magische, furchteinflößende Grenze. Smith hatte Angst, dass er seine beste Kunst bereits hinter sich gelassen hatte, dass das Älterwerden die Relevanz wegschleifen würde. Zudem konsumierte er massiv Halluzinogene, zog sich zurück und verfiel in eine schwere Melancholie.
Das Ergebnis dieses Rückzugs war Disintegration.
Wenn man Disintegration auflegt – am besten laut, über gute Kopfhörer, wenn es draußen dunkel ist –, begreift man schnell, dass hier kein gewöhnliches Pop-Album läuft. Aber man muss es wollen. Disintegration ist ein architektonisches Kunstwerk aus Sound.
Die Songs nehmen sich Zeit. Das Eröffnungsstück Plainsong braucht fast zweieinhalb Minuten, bevor überhaupt die erste Gesangszeile ertönt. Stattdessen baut sich eine Welle aus Synthesizern, plätschernden Windspielen und erhabenen Bassläufen auf. Es ist Musik, die keine Eile hat. Sie fordert Geduld in einer Welt, die immer schneller wird.
Auf Disintegration perfektionierten The Cure ihren eigenen Mythos:
- Pictures of You: Eine epische Regression in Erinnerungen, getragen von zwei ineinandergreifenden Gitarrenlinien, die schimmern wie Regentropfen auf einer Scheibe.
- Lovesong: Ein schlichtes, wunderschönes Hochzeitsgeschenk von Smith an seine Frau Mary Poole – unaufdringlich, ehrlich und frei von kitschiger Attitüde. (Robert und Mary lernte sich mit 14 in der Schule kennen.)
- Lullaby: Ein alptraumhafter, klaustrophobischer Trip über die eigenen Angstphantasien, unterlegt mit einem spinnenartig zischenden Rhythmus.
- Disintegration (der Titelsong): Ein achtminütiger Ausbruch, in dem Smith gegen das Zerfallen der eigenen Identität anbrüllt, während das Schlagzeug wie eine Guillotine fällt.
Disintegration ist das Album, das zeigt, was The Cure im Kern ausmacht: Es ist die Fähigkeit, Traurigkeit nicht als Defizit zu begreifen, sondern als einen Ort von gewaltiger Schönheit und Würde. To be something special.
Die Mechanik des Sounds: Was passiert da eigentlich musikalisch?
Es lohnt sich, einen Blick auf das stumm schaltbare Räderwerk hinter der Band zu werfen. Warum klingen The Cure so unverwechselbar?
- Der Bass als Melodie-Träger: Simon Gallup spielt den Bass oft nicht im tiefen Frequenzkeller zur reinen Rhythmusstütze, sondern weit oben auf dem Griffbrett. Mit viel Chorus- und Flanger-Effekt erzeugt sein Fender Bass VI oder Thunderbird einen schimmernden, metallischen Sound, der die eigentliche Melodieführung übernimmt. Der Bass ist der Fels im Brandungswasser.
- Die Schichtung der Gitarren: Robert Smith ist ein unterschätzter Gitarrist. Sein Sound basiert selten auf dicken Verzerrern oder schnellen Soli. Stattdessen schichtet er akustische Gitarren, 12-Saiter und stark modulierte E-Gitarren übereinander. Es entsteht ein dichter, teppichartiger Klang, der eher an Wellenbewegungen erinnert als an klassische Rock-Riffs.
- Das Schlagzeug als Metronom der Depression: Egal ob Lol Tolhurst in den frühen Jahren oder später Boris Williams (dessen präzises, dynamisches Spiel auf Alben wie Disintegration phänomenal ist): Das Schlagzeug bei The Cure verzichtet oft auf unnötige Fills. Es pulsiert organisch, stur, fast hypotisch. Es gibt dem emotionalen Chaos der Texte eine feste, unerbittliche Struktur.
- Die Stimme: Robert Smiths Gesang ist kein geschulter Tenor. Er schluchzt, er flüstert, er schreit, er wimmert. Manchmal wirkt es unsauber, manchmal fast kindlich. Aber es ist absolut authentisch. Smith singt nicht über Emotionen – er verkörpert sie im Moment der Aufnahme. Und er klingt einzigartig, wie vielleicht auch Dave Gahan oder Ian Curtis einzigartig klingen.
Schattenseiten: Drogen, Kontrollwahn und der Preis des Erfolgs
Niemand baut ein solches Monument auf, ohne dafür einen Preis zu zahlen. Und man würde der Geschichte von The Cure unrecht tun, wenn man die dunklen, unschönen Kapitel aussparen würde.
Der anhaltende Erfolg und der permanente Tour-Zirkus der 1980er Jahre forderten Opfer. Der eklatanteste Fall war Lol Tolhurst. Als Gründungsmitglied und Keyboarder/Schlagzeuger war er einst Smiths engster Vertrauter. Doch im Laufe der Jahre versank Tolhurst in einer schweren Alkoholabhängigkeit. Auf den Aufnahmen zu Disintegration war er physisch und mental kaum noch in der Lage, etwas beizutragen – im Inlay des Albums wurde sein Beitrag spöttisch mit „Other Instrument“ gewürdigt. Kurz vor Veröffentlichung wurde Tolhurst durch Smiths aus der Band geworfen. Es folgte ein jahrelanger, dreckiger Rechtsstreit um Namensrechte und Tantiemen, der die Freundschaft der Jugendtage endgültig zu Grabe trug.
Auch Robert Smith selbst war kein einfacher Zeitgenosse. Hinter der zerzausten Mähne und dem sanften Auftreten steckt ein kompromissloser Diktator. The Cure waren nie eine echte Demokratie. Wer Smiths musikalische Vision nicht teilte oder seinen Ansprüchen an Loyalität nicht genügte, flog raus. Die Liste der ehemaligen Mitglieder ist lang.
Dazu kam die ständige Präsenz von Drogen und Alkohol. Anders als bei den tragischen Helden des Grunge oder den Exzessen des Hardrock führte das bei The Cure zwar nicht zum frühen Tod des Frontmanns, aber es hinterließ tiefe Spuren in den Beziehungen der Beteiligten. Die Freiheit, die sich die Band nahm, hatte ihren Preis in Form von Isolation, Paranoia und menschlichen Trümmerfeldern.
Das Publikum: Die schwarze Güteklasse
Vielleicht noch faszinierender als die Band selbst ist das Phänomen ihrer Anhängerschaft.
Wer in den späten 80ern oder 90ern ein The-Cure-Konzert besuchte, betrat eine eigene Welt. Es war der Nährboden für die weltweite Goth-Subkultur. Menschen, die sich fremd fühlten im durchgestylten, optimierten Alltag der Mehrheitsgesellschaft, fanden hier eine Heimat. Bauschige Haare, schwarzer Samt, pfefferminzfarbene Lidschatten, abgekratzter Nagellack. Und das elende Patchouli - Gothics Perfum.
Doch anders als die oft aggressive, verschlossene Attitüde anderer Subkulturen hatte die Cure-Fanbase immer etwas zutiefst Sanftes, fast Tröstliches. Man kam nicht zusammen, um die Welt zu zerstören, sondern um gemeinsam zu akzeptieren, dass die Welt manchmal ein schwer auszuhaltender Ort ist.
Smith hat diese Rolle als Projektionsfläche für Millionen einsamer Teenager oft als Last empfunden – und sie gleichzeitig mit großer Sorgfalt verwaltet. Er verweigerte sich über Jahrzehnte den Gesetzen der Musikindustrie. Bis heute kämpft er gegen überhöhte Ticketpreise (wie man bei ihren letzten Welttourneen eindrucksvoll beobachten konnte, als er sich persönlich mit Ticketmaster anlegte) und versucht, die Konzerte für normale Menschen bezahlbar zu halten.

Das Spätwerk und Songs of a Lost World

Nach den 1990ern – nach Alben wie Wish (1992) mit dem weltweiten Giganten Friday I’m in Love – wurde es ruhiger um die Band. Die Alben der 2000er Jahre (Bloodflowers, The Cure, 4:13 Dream) wirkten manchmal wie Wiederholungen des eigenen Stils. Gute Alben, zweifellos, aber die Dringlichkeit der frühen Jahre schien im Nebel der Bandgeschichte zu verblassen.
Und doch gaben sie nie auf. Sie tourten weiter. Drei Stunden dauernde Konzerte, ohne Pause, ohne Zugeständnisse an das Alter, gespielt mit einer Energie, die jüngere Bands beschämen müsste.
Und dann, nach mehr als 16 Jahren des Wartens, erschien Songs of a Lost World.

Ein Album, das im Grunde niemanden mehr etwas beweisen musste – und genau deshalb so mächtig geraten ist. Es zieht den Kreis zurück zu Disintegration und Faith. Smith besingt darauf den Verlust: den Tod seiner Eltern, den Tod seines Bruders, das spürbare Herannahen des eigenen Endes.
Wenn man Stücke wie Alone hört, begreift man: Diese Band ist nicht gealtert, um peinlich zu werden. Sie ist gealtert, um der Trauer im Alter einen Sound zu geben. Es gibt kein Verstecken mehr hinter bunten Pop-Masken. Es ist der ehrliche Blick eines Mannes Mitte 60 auf die Trümmer der Zeit.

Mein kleines Review zum Album
Was bleibt?
Wenn ich heute meine digitale Musikbibliothek durchgehe, Playlists sortiere oder nachts an eigenen Texten sitze, komme ich immer wieder auf diese Band zurück.
The Cure sind mehr als eine Phase,
die man als pubertierender Jugendlicher durchläuft und dann peinlich berührt vergisst. Sie sind eine Erinnerung daran, dass Musik ein Schutzraum sein kann. Ein Ort, an dem Melancholie nicht als Selbstmitleid diffamiert wird, sondern als eine gültige, würdevolle Art, der Welt zu begegnen.
Robert Smith hat gezeigt, dass man sich den Gesetzen des Marktes verweigern kann, ohne in der Versenkung zu verschwinden. Dass man die dunkelsten Abgründe der menschlichen Psyche erkunden kann, ohne den Humor zu verlieren. So wie es auch Sinéad O'Connor, die sich dabei verlor. Und dass am Ende eines langen, dunklen Tunnels manchmal eben doch ein Song steht, der einen für vier Minuten durchatmen lässt.
Vielleicht ist das die größte Errungenschaft dieser seltsamen Band aus Crawley: Sie haben uns beigebracht, dass es völlig in Ordnung ist, im Wald zu stehen und den Weg nicht zu kennen – solange der Bass weiterläuft.





